Inhalt

Über die Arbeit an den Preisbüchern 2019

Als ich über all diese Dinge Klarheit hatte, fing ich an, die Bilder zu zeichnen
Jens Rassmus über seine Arbeit an dem Buch "Das Nacht-Tier"

Die Geschichte vom Nacht-Tier habe ich lange mit mir herumgetragen. Ursprünglich war das Nacht-Tier gar kein Tier, sondern ein Riese, der nachts durch die Stadt geht, am offenen Fenster des Kindes vorbeikommt, es nimmt, sich auf die Schultern setzt und mit ihm zusammen wortlos seinen Weg fortsetzt. Ich wusste nicht so recht, wohin, doch es sollte aus der Stadt hinaus und in die Welt gehen.

Schließlich kam mir die Idee, dass der Riese auf seinem Weg auf Hindernisse trifft – eine Straße, einen Fluss, einen Berg – und stehenbleibt, weil er nicht weiterweiß oder -kann. Das Kind will aber, dass es weitergeht, und sagt ihm, was er tun muss, um die Hindernisse zu überwinden. Es gibt Befehle und der Riese gehorcht. Es sagt spring, schwimm, steig und ähnliches und der Riese sprang, schwamm, stieg. 

Der Klang dieser Befehlsformen und der dazugehörigen Vergangenheitsformen gefiel mir gut. Das Kind hatte in meiner Geschichte also das Kommando übernommen und ich beschloss, alles Klang und Rhythmus werden zu lassen und meine Geschichte als Gedicht aufzuschreiben. Ich suchte weitere "starke" Verben (also solche, bei denen sich im Präteritum der Stammvokal ändert), die sich eigneten und zu denen mir passende Reime einfielen, und legte die Stationen der Reise fest. Den Riesen tauschte ich irgendwann gegen ein Tier, denn ich fand es besser, wenn das Kind reiten kann, anstatt auf der Schulter sitzen zu müssen, und wenn es ein weiches Fell hat, in dem es sich festhalten kann. Das Nacht-Tier sollte möglichst alles sein. Wild, zahm, unbändig, gehorsam, tierisch, menschlich, stark, sanft, groß und beschützend – und am Ende, wenn sich die Geschichte umkehrt, auf einmal klein und schutzbedürftig.

Da der Rhythmus eines Buches das Umblättern ist, bei dem eine Pause entsteht und sich Spannung aufbaut, teilte ich den Text so ein, dass zwischen den Befehlen des Kindes und den Ausführungen des Nacht-Tieres immer ein Seitenwechsel stattfindet und auf der folgenden Doppelseite nichts weiter zu sehen ist als ein einziges Bild und die drei Wörter Das Nacht-Tier kam / lief / sprang oder ähnliches. Durch das längere Betrachten des großformatigen Bildes entsteht erneut eine Pause, bevor es eine Seite später mit der nächsten Strophe weitergeht.

Als ich über all diese Dinge Klarheit hatte, fing ich an, die Bilder zu zeichnen.

Sätze aus den Arbeitsbüchern 2017
Albert Wendt über seine Arbeit an dem Buch "Henrikes Dachgarten"

  1. Einen trächtigen Ort finden, dann tauchen Leute auf, dann geschieht etwas, schließlich reden die Leute.
  2. Aus kleinen Verhältnissen in größere heben – locken – führen – tanzen. Größere Verhältnisse in 3 Dimensionen: Raum, Zeit, Bewohner (himmlische Wesen bis Mäuse).
  3. Es sind doch nur 4 Aufgaben, die ich vor mir habe: Die Vorstellung eines schönen Gebildes, das schöne Gebilde in einem Text fassen, mit Partnern um den Text ein passendes, haltbares Gefäß formen (Buch, Theaterstück, Hörspiel und dergleichen), mit Partnern Transportmittel nutzen und schaffen, um das Werk zu denen zu bringen, die es dringlichst brauchen.
  4. Kein verseuchtes Terrain betreten oder gar beackern.
  5. Wenn ich das weite Meer vor mir habe, warum soll ich mich dann abwenden und hinhocken und mit einem Stock in einem Abwassertümpel herumstochern.
  6. Anreichern – Streng machen – Anreichern – Streng machen ...
  7. Eine gute Geschichte: Eine Plastik wird ansichtig als schönes Gebilde und macht angenehme Geräusche.
  8. Fülle bändigen! Nicht Leere füllen!
  9. Den Helden hineinwerfen in die Kämpfe und dann zurücklehnen und betrachten. Den Helden prüfen bis an seine Grenzen, um zu erfahren, was er taugt.
  10. Nichts in ein Werk hineinbauen, was schnell verfault.
  11. Wie sprenge ich die Kleinbürgerschächtelchen auf? Kinder, Künstler, Könige, Unwetter, Schicksalspranke, Charaktere, Wunder ...
  12. Zehn Prüfungsfragen an den Text, bevor ich ihn aus der Hand gebe:
    1. Hat sich mein bisschen Ich nicht doch zu weit vorgedrängt? Ist es an der richtigen Stelle?
    2. Dient das Werk der Königin der Welt, der Sittlichkeit? Ist es unverklemmt, aber keusch?
    3. Wurde der Gegenstand klar umrissen?
    4. Ist das Werk eingebunden in die Folge der alten Meister?
    5. Interessiert es auch ein begabtes Kind in einem Flüchtlingstreck?
    6. Fehlte etwas, wenn ich Teile des Werkes weglasse?
    7. Fehlte etwas, wenn ich das Ganze weglasse?
    8. Waren genug Kräfte von Format an der Formung des Werks beteiligt?
    9. Habe ich alles Billige, Eitle, Eifernde, Aufgeregte, Überflüssige, Besserwisserische, Belehrende, Sensationslüsterne, Prahlerische getilgt?
    10. Kann das Werk den Blick aushalten, den Blick aus den neuen Augen, die mit einer neuen Epoche geboren werden (Heine-Zitat)?

Ich habe mir die Natur ins Atelier geholt
Linda Wolfsgruber über ihre Arbeit an dem Buch "Henrikes Dachgarten"

Mit "Henrikes Dachgarten" war es so: Zuerst kam ein Anruf von Hildegard Gärtner vom Jungbrunnen Verlag. Ich hatte mit ihr schon das Buch "Daisy ist ein Gänseblümchen" gemacht und so meinte sie, nach Blumen könnten mich vielleicht auch andere Pflanzen und Bäume interessieren. In der Tat finde ich das Zeichnen von Pflanzen, Sträuchern und Bäumen sehr spannend. 

Nun zu meinen Arbeitsschritten: Ich drucke den Text aus; ich kann einen Text nur dann illustrieren, wenn er auf Papier steht. Beim Lesen mache ich die ersten Kritzeleien oder kleine gezeichnete Notizen direkt neben den Zeilen, um meine Ideen festzuhalten. Dann beginne ich, immer noch ohne ästhetischen Anspruch, auf leerem, weißem Papier die ersten Skizzen zu machen. Ich verwende dafür niemals Papier, dessen Rückseite bedruckt ist oder auf dem ich bereits etwas geschrieben oder gezeichnet habe. Das Papier sollte wirklich leer sein, frei für was Neues. Für "Henrikes Dachgarten" durfte ich alle Zeichnungen bis auf den Umschlag in schwarz-weiß anfertigen. So war es für mich rasch klar, dass ich dafür Federzeichnungen mit Monotypie kombinieren würde. Ich finde fragile Federzeichnungen in Verbindung mit eher flächigen, groben Drucken sehr reizvoll.

Nach den Entwürfen kommen dann die Zeichnungen und Drucke: Davon mache ich immer mehr als notwendig. Aus der Vielfalt kann ich die wirklich guten besser auswählen: "Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen." Die guten wandern ins Buch und die schlechten in den Papierkorb – oder sie werden zerschnitten und ich verwerte Teile davon für Collagen

Einer der schönsten Momente ist dann der, wenn alle Arbeiten ausgebreitet auf dem Boden im Arbeitsraum liegen – fast wie ein Fleckerlteppich. Ich schlichte, sortiere und nehme weg und in meinem Kopf setzt sich das Buch zusammen. Bei "Henrikes Dachgarten" habe ich die Arbeit an 2 verschiedenen Orten gemacht: Der erste Teil entstand in meinem Arbeitsraum und der zweite Teil in Franziskas Garten. Dort habe ich Pflanzen gezeichnet, gesammelt, später mittels Monotypie gedruckt und anschließend mit Federzeichnungen ergänzt. So habe ich die Natur in mein Atelier geholt. 

Der weitere Prozess war spannend: Gemeinsam mit Hildegard Gärtner überlegte ich, wie das Buch nun gedruckt werden sollte: nur schwarz, nur grün oder doch schwarz mit grüner Schmuckfarbe? Wenn ja, welches Grün und welches Vorsatzpapier? Mit dem Schriftsetzer Peter Sachartschenko ging es dann darum, wie die Zeichnungen platziert werden: Welche Seiten sollten voll, welche sparsam illustriert sein? Anschließend kommt natürlich noch die Arbeit von Hersteller, Drucker und Buchbinder, und so ist aus dem Text von Albert Wendt dank aller Beteiligten ein wunderbares Buch geworden.

Leander und Jonas: beste Freunde, begnadete Künstler
Irmgard Kramer über ihre Arbeit an dem Buch "17 Erkenntnisse über Leander Blum"

Die Geschichte von Leander Blum begann vor langer Zeit, als ich 2 Kinder beobachtete, die Zuflucht in ihrer selbst gemalten Welt suchten. Mit Zeichenstiften fuhren sie auf dem Papier Soldaten und schweres Gerät auf – die rote Armee kämpfte gegen die blaue, mit brennenden Pfeilen, Katapulten und Kanonen. So erfand ich Leander und Jonas, beste Freunde, begnadete Künstler, die mit Pinseln ebenso souverän hantieren wie mit Spraydosen. Sie sind so talentiert, dass sie auserwählt werden und einen Kalligraphiepinsel bekommen, mit dem sie sich in eine Parallelwelt malen können, in der alle Gemälde lebendig sind. Diese Welt nannte ich Mezzotinto. Ich besuchte jedes Museum, das mir unterkam, schaute mir auf mehreren Kontinenten zigtausende Gemälde an, war wie besessen davon, Gemälde in meinem Kopf zum Leben zu erwecken und schrieb wie im Rausch 800 Seiten. Die Welt wurde komplexer, der Text konfuser, der Plot absurder, bis ich gegen eine tintenschwarze Wand knallte und weder ein noch aus wusste. Der Text war unlesbar. 

Das fand auch meine Agentin. Nur die kurzen Szenen, die in der realen Welt spielten, gefielen ihr. Schweren Herzens löschte ich eine ganze Welt und begann, mich intensiv mit Streetart und Graffiti auseinanderzusetzen. Der Künstler PEKS war mein Mentor. Er entführte mich in eine Welt, die so bunt und komplex ist wie Mezzotinto, nur real, oft illegal, die sich im Untergrund, auf Dächern und in Hinterhöfen abspielt. Ich beschäftigte mich so lange damit, bis ich mich dazu berechtigt fühlte, darüber zu schreiben, bis ich wusste, welchen Wortschatz ich verwenden will, nicht um mich bei Jugendlichen anzubiedern, sondern weil Leander und Jonas so sprechen – von ihren Kannen, Tags und Pieces, von Sketchbooks, Caps und Aerosol. Als ich das Mädchen und die Liebe ins Spiel brachte, war mir Leanders Schicksal schon so vertraut, dass es leicht war, die beiden Ebenen zeitlich zu trennen, sie voranzutreiben und am Ende zu verknüpfen. 

Ganz zum Schluss beschäftigte ich mich mit dem Kunstbetrieb und erfand mit großem Vergnügen illustre Experten und Zitate aus der Kunstszene; damit habe ich mich, wie mit einer süßen Nachspeise, nach 7 Jahren Arbeit, selbst belohnt.

Verlust und Erinnerung
"Ein bisschen wie du // A little like you" von Lilly Axster & Christine Aebi mit Henrie Dennis & Jaray Fofana

Christine Aebi

Christine Aebi

started the creation of the book together with Lilly

hat die Bilder gezeichnet und mit Lilly gemeinsam erste Entwürfe des Buches erfunden

Jaray Fofana

Jaray Fofana

brought her childhood photographs and recreated all the movements Terry made in the book, for example, dressing up. Christine drew these movements and together they created the character Terry

hat Kinderfotos von sich mitgebracht und die Dinge getan, die Terry im Buch macht, Kleider anprobieren, Socken sortieren oder Servietten falten. Christine hat diese Bewegungen abgezeichnet. Zusammen haben beide Terry erfunden

Henrie Dennis

Henrie Dennis

tells the story in English. Her photos are used to mirror the character Mom Chioma. Henrie and Lilly worked together to put the pictures to words

erzählt die Geschichte auf Englisch. Ihre Fotos waren die Vorlage für Mom Chioma. Henrie und Lilly haben ausprobiert, welche Sätze auf Englisch und welche auf Deutsch am besten zu den Bildern der Geschichte passen

Lilly Axster

Lilly Axster

started the creation of the book together with Christine

hat sich mit Christine gemeinsam erste Entwürfe des Buches ausgedacht

Frederik Marroquín

Frederik Marroquín

choose the fonts, their color and size, and prepared the document for printing

hat entschieden, welche Schrift in welcher Farbe und Größe zu den Bildern oder auf eigene Seiten passt

Nicole Suzuki

Nicole Suzuki

published the book and is responsible for making it available in bookstores and online

organisiert, dass das Buch bekannt wird und in Buchläden oder im Internet bestellt werden kann

Dem Buch liegt eine autobiografische Konstellation zugrunde, der Verlust eines geliebten Menschen. 

An dem Buch haben wir erstmals mit einem größeren Team gearbeitet. Nachdem es einen allerersten Rohentwurf der Geschichte und erste visuelle Vorstellungen von Räumen, Gegenständen und Stimmungen gab, hat das erweiterte Team gemeinsam auf Fotos, Modelle, Blickrichtungen, Übersetzungen in verschiedene Richtungen, Repräsentationen, auf Stoffe, Muster und Gegenstände geschaut. 

Der Text zieht je auf Deutsch und Englisch unterschiedliche feine Fäden durch das Buch. Verschiedene Gefühle und Aspekte der Geschichte haben wir je auf Englisch beziehungsweise Deutsch formuliert, verstärkt, pointiert. So soll in beiden Sprachen für sich genommen eine in sich geschlossene, berührende Geschichte entstehen. Für jene, die beide Sprachen verstehen, ergibt sich eine dialogische Erzählung, in der verschiedene Details einander ergänzen, befragen, zu einem Ganzen werden lassen. Wir möchten den verschiedenen Perspektiven, den je eigenen Ausdrucksformen in beiden Sprachen und den je unterschiedlichen Nuancen im Umgang mit Tod und Gefühlen in den Lebensrealitäten unserer Protagonistinnen in Österreich und Nigeria auf diese Weise Ausdruck verleihen.