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Über die Arbeit an den Preisbüchern 2018

Da war eine Geschichte in mir, eine aus Fragen und einer immergleichen Antwort
Gabi Kreslehner über ihre Arbeit an dem Buch „Duhuu? Hast du mich lieb?“

Im Herbst 2014 lauschte ich im Rahmen der Verleihung des Steirischen Jugendliteraturpreises fasziniert einem Vortrag von Inge Cevela über Bilderbücher, ihre Entstehung, ihre Aussagen, ihre Logik. Schon lange hatte ich mich mit der Frage befasst, was denn ein Bilderbuch enthalten müsse, um ein gutes solches zu sein, nicht zuletzt aus der Sehnsucht heraus, einmal, zumindest ein einziges Mal einen Text zu schreiben, dessen Geschichte auf bloß einer DIN-A4-Seite Platz hat. Ich weiß, ein sehr unpoetischer, geradezu verwerflicher Hintergrund, aber seit mehreren Jahren hänge ich in der Schleife eines Romans, der die Geschichte zweier Frauen vor dem Hintergrund des letzten Jahrhunderts erzählt, und demzufolge recherchiere ich seit gefühlten Ewigkeiten Atmosphäre, Geschichte und Ereignisse, um sie dann endlich mit der Fiktion meiner Figuren zusammenzutun. An einem Bilderbuch, dachte ich zwischendurch immer wieder voller Sehnsucht, an einem Bilderbuch könnte man sich ein wenig ausruhen …

Und dann saß ich in diesem Saal in Graz, lauschte dem Vortrag, fuhr heim, kam nachts an, ging zu Bett, erwachte in der Dämmerung eines herbstlichen Morgens und merkte, da war eine Geschichte in mir, eine aus Fragen und einer immergleichen Antwort.

Neben meinem Bett liegt stets Papier und Bleistift und so musste ich mich nur rasch ein wenig aufrichten, um aufschreiben zu können, was da bereitlag. Dann sank ich wieder zurück ins Dösen und Dahinschlafen (ich liebe herbstliche Morgen), bis mich der nächste Wortschwall im Kopf hochschreckte. Das ging noch einige Male hin und her, bis ich beschloss, dem Dösen ein Ende zu bereiten und in den Tag zu gehen. Den Text, von dem ich nicht genau wusste, ob es überhaupt einer war, ließ ich liegen, „abliegen“ – das tut nicht nur einem saftigen Stück Rindfleisch gut. Irgendwann in den folgenden Tagen nahm ich ihn wieder zur Hand, merkte, dass es zwei Texte waren, entdröselte sie, klopfte sie in den PC, ließ sie erneut eine Weile abliegen und als ich schließlich das Gefühl hatte, sie hätten eine gewisse Reife erreicht, schrieb ich ein Mail an Inge Cevela. Dass ich da zwei Texte liegen hätte … und dass ich doch ihren Vortrag … und dass ich nicht sicher sei … und ob sie nicht einen Blick werfen wolle … Sie wollte …

Zeichnerin übt Instabiles auszuhalten
Verena Ballhaus über ihre Arbeit an dem Buch „Duhuu? Hast du mich lieb?“

Beim ersten Hineinlesen in ein neues Manuskript habe ich einen Stift in der – wichtig: immer linken! – Hand für die allerersten Skizzen (oft ganz abstruse, eher abwegige) direkt in und um den Text herum. Dann kommt die Phase der 1.000 Varianten, und ich staune manchmal, wie dicht – viele Umwege später! – die fertigen Bilder bei diesen allerersten spontanen Kritzeleien liegen.

Beim ersten DUHUU-Lesen fühlte ich mich zwiegespalten.

Mein Kopf sagte: „Diese Zustandsfragmente sind so fragil, da braucht es möglichst konkrete Bilder!“, während gleichzeitig meine Hand mit lauter Punkten auf dem Papier herumjonglierte, und zwar mit den i-Punkten von „mich“, „immer“, „lieb“, dem Punkt vom Fragezeichen, natürlich dem Punkt hinter dem „Ja.“ sowie dem Kontrapunkt.

Völlig hin- und hergerissen zeichnete ich her und hin, vor, zurück, hinein, heraus, bis schließlich ein seltsamer Spielplatz entstanden war. Eine Welt aus Wippen, Schaukeln, Klettergerüsten, geformt aus den Buchstaben, den Wörtern des Textes. Und ich machte mich daran, den gesamten Text als Spielgeräte eines riesigen Spielplatzes zu inszenieren.

Dazu kam die Frage des Dialogs. WER fragt? WER antwortet?

Den Dialog wie eine „Stille Post“ zwischen mehreren Personen im Kreis herum?

Oder doch lieber klassisch mit zwei Personen? Welchen?

Salomonisch einigte ich mich auf drei Personen: Eine Stimme aus dem Off, ein Kind, und Nr. 3, welche als Seepferd (Warum Seepferd? Vielleicht weil es auch so eine Art Kippfigur ist?) begann, später zu einem Bären wurde und schlussendlich zu einer Gans. Gans, weil es dem Wort „ganz“ so ähnlich ist. (Sorry, eine bessere Begründung habe ich nicht. Höchstens, dass „Hans im Glück“ mein Lieblingsmärchen ist, leider habe ich es noch nie illustriert. Auf diesem Umweg wenigstens ein Stückchen.)

Diese Dreier-Situation gefiel mir gut, die Frage-Antwort-Szene bekam so mehr Drive und in der Schwebe bleibt, WER eigentlich fragt bzw. antwortet.

Bloß: zunehmend schwindlig wurde mir beim Skizzieren, Balancieren, Wippen, Schaukeln auf diesem Riesenspielplatz. Ich bin eh keine gute Zeichnerin von Raumgebilden, so krumm und so schief alles!, es fühlte sich verwirrend nach Sisyphus an.

Also weg mit dem Spielplatz, her mit einem schlichten Würfel!

Den Innenraum zu erweitern. Für Schutz und Rückzug.

Erst war keinerlei Verlass auf ihn. Er hüpfte und bockte herum, drehte sich, kippte, bald war er lieber Linie, dann wieder Fläche und machte seinem Namen alle Ehre. Viele Skizzen später hatte er seinen Text gelernt und konnte mitspielen.

Als irgendwann das Ensemble (Schauspieler, Bühnenraum, Requisiten) aufgestellt war, konnte endlich das Frage-Antwort-Spiel beginnen, konnte die Geschichte von den Trennungsexperimenten und der Zuversicht im Bild entwickelt und erzählt werden.

Falls das jetzt so klingt, als ob die arme Zeichnerin vom Text willenlos herumgewürfelt wurde, so ist das zwar zum Teil richtig – mit reiner Vernunft kommt sie den Gemütszuständen der Geschichte meist nicht allzu nahe, sie muss sich schon auf Gedeih und Verderb deren Eigendynamik ausliefern. Gottlob gibt es da aber auch dieses Stützkorsett aus Technik-, Material- und Formentscheidungen von beruhigender Handwerklichkeit (Stempeln? Kritzeln? Nähen? Wie fest die Fläche? Wie brüchig die Linie? Wo voll? Wo leer?)

Damit geht es „immerimmer“ weiter ...

All das hat mit einem Mal irgendwie zusammengepasst
Michael Roher über die Arbeit an seinem Buch „Tintenblaue Kreise“

Ich weiß noch genau, ich bin in Wien-Meidling am Bahnsteig gestanden, habe auf meinen Zug gewartet und die Gedanken sind so dahingewandert, als sich plötzlich einige lose Enden in meinem Kopf zur vagen Idee einer neuen Geschichte verknüpft haben: Da war zunächst ein Erlebnis mit einem gemobbten Kind, das mir aus einer Projektwoche mit einer Schulklasse in Erinnerung war, dann meine persönliche Auseinandersetzung mit den Themen Tod und Glaube, sowie allerhand Kleinigkeiten, zum Beispiel die Tatsache, dass ich Kaffeehäuser mag und selbst gerne mal Tätowierer werden wollte, oder eine Kindheitserinnerung an einen Ort in der Au mit kleinem See und viel dichtem Wald drumherum.

All das hat mit einem Mal irgendwie zusammengepasst und sich zu einer Ahnung von dem gefügt, was etwa vier Jahre später unter dem Titel „Tintenblaue Kreise“ bei Luftschacht erscheinen sollte.

Der Weg dorthin war allerdings noch von vielen Herausforderungen gezeichnet: einerseits war es das erste Mal in meiner Tätigkeit als Autor, dass ich es mit einer Geschichte in Romanform zu tun hatte (bisher hatte sich mein literarisches Schaffen auf eher kurze, in sich geschlossene Geschichten oder Episoden beschränkt). Eine Handlung über 180 Seiten zu entwickeln war neu für mich und der Umstand, dass ich zunächst einfach mal drauflos geschrieben habe, war da nicht unbedingt hilfreich.

Im Endeffekt habe ich den ersten Teil des Romans dreimal verworfen und wieder von vorne begonnen, bis ich endlich eine Sprache gefunden hatte und wusste, wo ich mit dem Text eigentlich hinwill. Ich habe plötzlich verstanden, warum es Sinn macht, vor dem eigentlichen Schreiben ein detailliertes Konzept zu erarbeiten. So etwas hatte ich bisher immer nur im Kopf skizziert, aber nie wirklich zu Papier gebracht. Mir genau aufzuschreiben, was in welchem Kapitel passieren soll, hat extrem geholfen, mich nicht zu sehr zu verzetteln.

Außerdem habe ich den Text auch Freunden und Bekannten zum Probelesen gegeben und deren ehrliches und konstruktives Feedback hat meinen Blick auf die Gesamtheit der Geschichte gerade im Überarbeitungsprozess auch noch einmal geschärft und hat dem Buch sicher sehr gut getan.

Insgesamt hat es trotzdem viele Zugfahrten und Nachtschichten gebraucht, bis das Manuskript endlich fertig war. Und der Moment, in dem ich den letzten Satz geschrieben habe, war dann tatsächlich sehr erhebend – nicht zuletzt, weil in den Hauptfiguren Biene und Phillip viel von mir selber steckt und sie mir deshalb sehr ans Herz gewachsen sind.

Umso größer ist meine Freude darüber, dass ihre Geschichte nun sogar mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet wird. Danke!

Instant-Müll
#wieauchimmerdiesesbuchheißenmag
Sarah Michaela Orlovský über ihre Arbeit an dem Buch „ich: #wasimmerdasauchheißenmag“

Normalerweise wandern Postwurfsendungen bei mir sofort ins Altpapier. Quasi Instant-Müll. Aber dieses eine Prospekt damals im Herbst 2014, das konnte ich nicht wegwerfen. Es war so grandios misslungen, so gewaltig gescheitert, so gewissenhaft verbockt, dass ich es mit ins Bett nahm und studierte.

Was ursprünglich offensichtlich als Doppelseiten geplant war, hing lose in einem gefalteten Deckblatt, die Seitenränder schief geschnitten und jeweils mit einem Streifen Sujet von einer Konkurrenzseite versehen. Trotzdem: Das Konzept, die Anordnung von Kleidern und Accessoires, das war genial. Ich erkenne guten Müll, wenn ich ihn sehe. Und das war verdammt guter Müll.

Mir war klar: Daraus sollte ein Buch werden. Ein Jugendroman mit Modefotos. Ich wollte, dass eine Jugendliche ganze Outfits arrangierte und fotografierte. Wollte, dass diese Fotos etwas von ihr preisgaben. Dass durch die ausgezogenen Kleider und die abgelegten Accessoires Schicht um Schicht ihr wahres Ich freigelegt wurde. #seelenstriptease.

Blieb nur noch die Frage, warum sie diese Fotos schoss. Was sie damit wollte. Warum Outfits so eine große Rolle in ihrem Leben spielten.

Das herauszufinden dauerte. Zwei Sommer in schwedischen Wäldern und auf norwegischen Klippen. Einen Spaziergang mit meiner großen kleinen Schwester. Einen Besuch im Astrid-Lindgren-Land. Und viele, viele Stunden Arbeit. Mit vielen, vielen Pausen dazwischen, in denen ich das Gefühl hatte, dass gar nichts weitergeht, dass ich einen Text nicht technisch konstruieren kann, wenn ich ihn nicht fühle. Dann wieder beflügelt von Gedanken und Gesprächen, von Situationen und Momenten, in denen genau dieses Gefühl stimmte.

Jetzt gibt es sie also: Nono und ihre Mama und das Bauchbewohnerchen und den Piloten-Papa und die 5B, ihres Zeichens coolste Klasse der Welt. Phil. Sven. Benjamin Schillerbrille Endl. Euch werde ich wohl nie mehr los. Aber das ist voll okay so.

Ihr seid die Besten!

Eure Sarah

PS: Danke an Katrin Feiner für das feine Lektorat.

PPS: Danke an Ulrike Möltgen für die schönen Modezeichnungen. Meine Fotos wären mindestens so gruselig geworden wie das Prospekt damals.

PPPS: Danke an die Dame in dem Café in Stockholm, die aussichtslos mit der Klotür kämpfte. You are my hero.

Meine Bücher und Stücke entstehen ausnahmslos während des Schreibens
Lilly Axster über ihre Arbeit an dem Buch „Die Stadt war nie wach“

Der direkte Auslöser, das Buch (fertig) zu schreiben, war die Zusage vom S. Fischer Verlag, mein letztes Buch, „Atalanta Läufer_in“, als Schulbuchausgabe herauszugeben. Danach war ich motiviert, mich wieder an den Stoff eines Jugendbuches zu setzen.

Zuerst gab es schon 1999 ein Theaterstück für jugendliches Publikum, „Verhüten&Verfärben“, das ich für das Theater Foxfire in Wien geschrieben habe (Uraufführungsregie: Corinne Eckenstein). Die Figuren waren also schon da. Meine zweite Tätigkeit als Mitarbeiterin der Beratungsstelle SELBSTLAUT gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen hat dann das neue Thema des Buches wie von allein an mich herangetragen: die Auswirkungen von Manipulationen und sexuellem Missbrauch durch einen Lehrer.

Weder entwerfe ich meine Bücher oder Stücke, noch gibt es sie in meiner Vorstellung, bevor ich sie niederschreibe, sondern sie entstehen ausnahmslos während des Schreibens. Ich habe also zu Beginn eine Figur oder mehrere (aus Theaterstücken oder aus sonstigen Stoffen) oder ich habe einen Auftrag (z.B. eine mythische Figur zu wählen) oder ein Thema oder ein Wort, ein Gefühl, dem ich nachgehen will. Dann schreibe ich automatisch, also ohne abzusetzen (mit der Hand) und stelle mir dazu verschiedene Aufgaben: Wer ist die Person, die sich mit dem Thema oder Wort oder Gefühl beschäftigen könnte? Wie klingt es, wenn ich zu dem Thema assoziiere? Wer fällt mir ein, die_der mit der Sache zu tun hatte oder haben könnte? So entstehen viele viele Seiten unzusammenhängender Texte. Nach und nach erfahre ich mehr über die Figur/en oder das Thema oder was immer der Ausgangspunkt war. Und ich arbeite an allen möglichen Anfängen und Enden dieses Textmaterials weiter. Verfasse Abläufe dessen, was es schon gibt, immer wieder neu und biege immer wieder irgendwo auf eine neue Textspur ab. Irgendwann, relativ spät, wenn es schon viel Text gibt und auch schon so etwas wie eine Reihenfolge und einen Spannungsaufbau, gebe ich das Ganze anderen Personen zu lesen. Durch die Feedbacks ändert sich meistens fast alles und ich suche in neue Richtungen weiter oder verdichte, was es schon gibt, oder setze neue Akzente. Meist brauche ich viele Jahre, bis ein Buch fertig ist.

Bei diesem Buch war eine große Herausforderung, den extrem langen Zeitraum der Entstehung immer wieder neu zu füllen und meinen je aktuellen Fragen und Interessen anzupassen. Inhaltlich ging es mir nicht um die Verteufelung einer Einzelperson, sondern darum, wie die Manipulationen, die immer zentraler Bestandteil von sexualisierter Gewalt sind, in das Gefüge und das Leben meiner jugendlichen Protagonist_innen und deren Freund_innenschaften hineinreichen und was sie mit deren Begehren und Vorstellung von Sexualität und Verbundenheit, Vertrauen und Wörtern machen. Da ich sehr viel Erfahrung in der Arbeit gegen sexuellen Missbrauch habe, war es auch eine Herausforderung, meinen Figuren und dem Geschehen des Buches zu folgen und mein Fachwissen zwar als Werkzeug heranzuziehen, aber nicht als inhaltlichen Faden. Den haben mir, so hoffe ich jedenfalls, meine Figuren und deren innere Logiken vorgegeben.