Autorinnen und Autoren im Gespräch 2006-2008

Wenn nicht alles, so doch sehr, sehr vieles über die Geschichtenerzähler und Dichter, die Illustratoren und Bildregisseure erfahren Sie in den nachfolgenden Interviews der Jahre 2006 bis 2008, die wir für Sie per E-Mail geführt haben. Die Autorinnen und Autoren erzählen Ihnen auch, wie aus einem kleinen Detail, einem zufällig aufgeschnappten Satz oder einer flüchtig hingeworfenen Skizze die Idee zu einem Buch werden kann.

"Man beobachtet eine Bewegung, eine Umarmung, einen Blick – und bekommt Lust, eine Geschichte zu erzählen." 
Heinz Janisch im Gespräch

Portrait Heinz Janisch

Sie zählen zu den bekanntesten österreichischen Autoren, die für junge Leserinnen und Leser schreiben und wurden für Ihre Arbeit mit vielen Preisen ausgezeichnet. Sie sind als Journalist mit der Sendung "Menschenbilder" erfolgreich und haben auch einige Bücher für Erwachsene geschrieben. Wie sind Sie denn zum Schreiben gekommen?

Janisch: Ich bin auf dem Land aufgewachsen, im südlichen Burgenland. In Wien habe ich dann Germanistik und Publizistik studiert und bin bereits als Student zum ORF-Radio gekommen. Ich wollte schon früh Schriftsteller oder Journalist werden. Bücher habe ich als Kind geliebt. Wenn ich eines zu Ende gelesen hatte, habe ich mir eine Fortsetzung ausgedacht und sie in ein Heft geschrieben: Wie geht diese Geschichte, dieses Märchen, dieser Roman weiter? So bin ich vom Lesen zum Schreiben gekommen.

Ich glaube, eine große Antriebskraft bei meiner Arbeit ist meine Neugier. Ich arbeite ja seit vielen Jahren in zwei „Herzensberufen“ – als Schriftsteller und als Journalist für den Rundfunk. In der Reihe "Menschenbilder" im Hörfunk auf Ö1 kommen seit dem Mai 1984 jeden Sonntag spannende Zeitgenossen zu Wort, die aus ihrem Leben erzählen – der Nobelpreisträger ebenso wie der Bergbauer, berühmte Schriftsteller wie etwa Astrid Lindgren, aber auch die Hebamme aus dem Dorf. Jedes Leben ist anders, jede Sendung, jede Begegnung bleibt spannend. Ich stehe immer noch mit Herzklopfen vor einer Tür, wenn ich mit dem Tonband zum Interview komme. Begegnungen sind immer ein Abenteuer. Ich arbeite seit insgesamt 26 Jahren fürs Radio – und die Arbeit bleibt aufregend.

Beim Schreiben geht es mir ähnlich. Man beobachtet eine Bewegung, eine Umarmung, einen Blick – und bekommt Lust, eine Geschichte zu erzählen. Und weil Bilderbücher immer ein Doppelgeschenk sind – man bekommt einen Text, eine Geschichte und eine kleine Bilderausstellung dazu – bleibt auch diese Arbeit immer spannend. Jede Illustratorin, jeder Illustrator verwendet eigene Farben, hat seine eigene Technik, malt auf Holz oder Papier oder Jutesäcken. Das Staunen hört nicht auf. Zuerst ist der Text da, dann lasse ich mich von den Bildern überraschen. Indem ich seit Jahren immer am Schreiben, Notieren, Ideen sammeln bin, sind – ohne, dass ich es so geplant habe – viele Bücher entstanden. Ich zähle da gar nicht mit, sondern gehe einfach – neugierig – von einem Projekt zum nächsten.

Sie sind mit drei Büchern bei den 14 Büchern zum Kinder- und Jugendbuchpreis vertreten. Wenn Sie einen Bilderbuchtext schreiben, haben Sie dann bereits eine Vorstellung von der Illustration? Oder denken Sie an einen bestimmten Illustrator?

Janisch: Bei manchen Texten überlege ich erst nach der Fertigstellung, zu welcher Illustratorin, zu welchem Illustrator der Ton der Geschichte passen könnte. Ich liebe Bilderbücher und ich bin auch ein Sammler von Bilderbüchern. Ich schlage daher oft bei einem Verlag jemanden vor oder suche selbst den Kontakt. Einige Illustratoren kenne ich von Buchmessen, da denkt man dann gemeinsam über Buchideen nach.

"Münchhausen" war zum Beispiel ein Wunsch von Aljoscha Blau, der in Berlin lebt. Er wollte diese Figur schon lange malen. Wir haben dann beide gesagt: Wenn schon literarische Lügengeschichten, dann spielen wir auch mit der Lüge und schieben neue Geschichten dazu: die doppelte Lüge also. Ich habe 18 Geschichten geschrieben, Aljoscha hat dann einige ausgewählt, die ihn zum Illustrieren gereizt haben. Bei "Schatten“ war es ein Wettbewerb der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Ich hab dem Verlag den Text geschickt, ohne konkrete Vorstellungen. Dann haben Studenten bei einem Wettbewerb mit dem Text gearbeitet. Dann haben der Verlag und ich den Sieger gewählt. Bei "Eine Wolke in meinem Bett" habe ich die Geschichte bewusst für Isabel Pin geschrieben. Ich wollte etwas Luftiges, Leichtes, das zu ihren Bildern passt. Ihre Bilder erscheinen mir oft wie Miniaturen. Ich hab daher versucht, kurze Miniatur-Geschichten zu erzählen. Wobei ich mich bei den Bildern dann kaum einmische, da haben die Illustratoren viel Freiheit.

Frage: Eigentlich gibt ja "Eine Wolke in meinem Bett" das Gespräch zweier Schulkinder wieder, die sich nach der Schule treffen und auf einen Baum setzen und … Ja, was? Plaudern? Fantasieren? Träumen?

Janisch: Isabel hatte die Idee zu diesem Vorspann ohne Worte. Sie wollte eine triste Stadtgegend zeigen, in der man die Fantasie als Lebensmittel gut brauchen kann. Ich mag Bücher, die am Ende einen unsichtbaren Doppelpunkt haben, die sagen: Das waren meine Ideen, jetzt bist du dran. Bücher sollen ja Einladungen sein zum Weiterdenken, Selber denken, zum Träumen und Fantasieren. "Es gibt so Tage" war auch so ein Buch. Erfinde besondere Tage, die es vielleicht noch nie gegeben hat! Das Buch als Anfang, als Impuls. Bei der "Wolke" erzählt das Mädchen ihre wundersamen – ausgedachten, geträumten, wahren? – Geschichten. Dann kommt die Einladung an den Jungen und damit an den Leser und die Leserin. Es geht dabei auch um den Mut zur eigenen Fantasie. Bei Lesungen ermutige ich die Kinder immer zu eigenen "Heute"- Geschichten. Oder ich lasse oft meine Antwort aus dem Buch weg und freue mich über die fantasievollen Antworten der Kinder. Manche Eltern kritisieren, dass es keine Geschichte zum Vorlesen ist, die von A nach B führt. Ich sehe das als Kompliment: Diese Geschichten führen von B nach X und von Z nach E und in alle Richtungen. In der "Wolke in meinem Bett" beleben die Kinder mit ihren Ideen und Gedanken die Stadtlandschaft, wie auch im Schlussbild zu sehen ist. Da gibt es mehr als nur das Sichtbare.

Frage: Im kommenden Jahr ist Ihr erstes Bilderbuch "Mario, der Tagmaler" 20 Jahre alt. Haben sich Ihre Vorstellungen vom Schreiben in diesen zwei Jahrzehnten verändert?

Janisch: Es berührt mich, dass mein erstes Buch schon fast zwanzig Jahre alt ist; ich habe nicht gedacht, dass das schon so lange her ist. Ich glaube aber, dass sich meine Vorstellungen vom Schreiben gar nicht so sehr verändert haben. Ich komme von der Lyrik, und die kurze, knappe Form – zum Beispiel beim Bilderbuch – ist mir immer noch sehr nahe. Ich mag es, dass wenige Zeilen dastehen, um die herum sehr viel Platz für Eigenes ist. Wie einmal ein Kind zu mir gesagt hat: "Bei einem Gedicht steht so wenig da, damit ich mir viel dazu denken kann." Schon "Mario, der Tagmaler" ist ein Lob der Fantasie: Ein Maler zeigt Tage so, wie er sie sich erträumt. An diesem Glauben an die Fantasie, an die Kraft von Träumen, Wünschen hat sich nichts geändert. Vielleicht ist der Mut dazugekommen, sprachlich ein wenig zu experimentieren. Mein neues Bilderbuch "Sieben schreckliche Seepiraten" im Boje Verlag zum Beispiel besteht nur aus Wörtern, die mit "S" anfangen.

Frage: Sie fühlen sich in den "kleinen" Textformen sehr zu Hause, im Bilderbuch, in der Erzählung und der poetischen Miniatur, im Gedicht. Wann kriegen wir denn einen Roman oder ein Jugendbuch von Heinz Janisch zu lesen? Woran arbeiten Sie denn zurzeit?

Janisch: Es gab ja immer wieder Text-Bücher von mir, Erzählungen und Romane, die leider weniger wahrgenommen wurden als die Bilderbücher. "Die Reise zu den fliegenden Inseln", "Der Sonntagsriese", "Grüner Schnee, roter Klee" waren drei Bücher beim Jungbrunnen Verlag. Für Erwachsene gibt es den Roman "Nach Lissabon" oder die Prosastücke "Lobreden auf Dinge" in der Bibliothek der Provinz.

Derzeit arbeite ich an einem Buch mit dem Arbeitstitel "Das Jahr der Riesen". Das werden 365 zusammenhängende Geschichten aus einem imaginären Dorf. Ich habe im Vorjahr jeden Tag eine Geschichte dazu geschrieben und bin jetzt am Bearbeiten. Im Herbst erscheinen "Märchen für mutige Mädchen" und Katzenmärchen mit dem Titel "Auf Samtpfoten". Für diese beiden Bücher habe ich Märchen aus aller Welt gesammelt und neu erzählt. Das sehe ich als gute Übung fürs Erzählen. Ich habe jetzt erstmals auch zwei Theaterstücke für Erwachsene geschrieben, auch das ist ein neuer Weg. Beim Jugendroman sehe ich mich weniger, eher im Kinderbuch. Ein Roman für Erwachsene wäre aber reizvoll, wenn es die Arbeit beim Rundfunk zeitlich zulässt.

Frage:Ich möchte noch einmal auf die "Wolke in meinem Bett" zurückkommen. Das letzte Bild in diesem Buch hat mich an Italo Calvinos "Der Baron auf den Bäumen" erinnert, wo es heißt: "Er aber betrachtete die Welt vom Baum aus: Alles, was man von dort oben sah, war andersartig, und schon das machte Vergnügen." Wäre ein solcher Baum auch ein Ort für den Schriftsteller Heinz Janisch?

Janisch: Ich liebe die Bücher von Italo Calvino. Sein Band "Die unsichtbaren Städte" war lange mein Lieblingsbuch, das ich oft verschenkt habe. Auch "Der Baron auf den Bäumen" oder die Geschichten vom "Herrn Palomar" sind wunderbar. Als Kind war der Birnbaum im Hof meiner Großeltern mein Reich. Und immer, wenn ich Kinder auf Bäumen klettern oder sitzen sehe, überkommt mich eine Art von Heimweh oder Wehmut. (Warum sitzt man als Erwachsener eigentlich nicht mehr auf Bäumen?) Ich bin gern Beobachter, das kann von einem Baum, einem Kaffeehaus oder einer Piazza aus sein. Meine schönste Vorstellung vom Schreiben, so wie ich es einmal bei einem Stipendium in Rom erleben durfte: mit dem Schreibheft auf der Piazza sitzen und schauen und hören und riechen und schreiben. Sich anfüllen mit Sonne und Wärme und Eindrücken, wie ein Bienenkorb, und dann dem Summen im Kopf zuhören ...

Herzlichen Dank für unser Gespräch.


Heinz Janisch wird für das Buch "Eine Wolke in meinem Bett" mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2008 in der Kategorie Bilderbuch ausgezeichnet.

Die Bücher "Schatten" und "Der Ritt auf dem Seepferd" wurden in die Kollektion zum Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2008 aufgenommen.

Heinz Janisch über "Heute will ich langsam sein"

Wie kamen Sie auf die Idee, ein lyrisches Buch für Kinder zu schreiben?

Janisch: Meine Lyrik-Sammlung "Ich schenk dir einen Ton aus meinem Saxofon", erschienen im Verlag Jungbrunnen, war ein schöner Erfolg. Das Buch ist bereits in mehreren Auflagen erschienen. Ich habe damit viele Lesungen und Workshops in Schulen abgehalten. Der neue Band ist eine Weiterführung, wieder als Buch mit vielen Anregungen gedacht. Zum Weiterdichten, zum Reimen und um mit Sprache zu spielen. Lyrik für Kinder erscheint mir wichtig: der lustvolle, kritische Umgang mit Sprache, das Fragenstellen, die Lust auf den Reim, auf die vielen Formen der Poesie. Poesie kann ein Wegbegleiter werden, sozusagen Proviant.

Erschließt sich durch Poesie eine andere Welt für Kinder? Ein Mehr an Phantasie, um sich die Geschichte größer auszumalen?

Janisch: "Just put it into a nutshell – Leg es in eine Nussschale" heißt es im Englischen, wenn man sagen will: "Bringt es auf den Punkt." Gedichte sind solche Nussschalen. In kleiner konzentrierter Form ist alles da an Geschmack, Überraschung, Geschichte.

Inwieweit spielen Sie stilistisch mit der Sprache, um die Kinder in die Welt Ihrer Geschichte zu ziehen?

Janisch: Das Spiel mit der Sprache verändert den Blick auf das Material "Sprache".
Im WORT steckt der ORT, im TRAUM der RAUM und so weiter – wer bei so einem Spiel "Wortdetektiv" wird, der lernt einen neuen Umgang mit Sprache.

Was möchten Sie mit Ihren Gedichten den Kindern mitteilen?

Janisch: Dass die Neugier und der genaue Blick auf die Welt zeigt, wie spannend dieses Leben ist.

Wie wichtig ist die Illustration für Ihre Poesie in Bezug auf Verständnis für Kinder?

Janisch: Die Illustration erzählt oft Neues hinzu. Ein Doppelgeschenk. Da ist mein Wort, da ist das Bild – das ja auch Sprache ist. Ich freue mich, wenn die Bilder zu den Gedichten ihre eigene Poesie entwickeln und nicht nur Inhalte abbilden.

Kann die Illustration Gefahr laufen, Ihre Gedichte oder auch Gedichte im Allgemeinen falsch zu übersetzen? Sozusagen "ihre Muttersprache" bildhaft falsch zum Ausdruck bringen? Oder auch wie im Klappentext beschrieben: "Die Bilder von Linda Wolfsgruber erzählen dazu ihre eigenen wunderbaren Geschichten"?

Janisch: Gedichte liest jeder in sich, für sich, neu. Er entscheidet auch, wie er das Bild in seiner Vorstellung "dazusetzt" oder wegschiebt. Schön, dass Linda oft zu einem Text neue Geschichten erzählt. Da bleibt das Schauen spannend.

Welche Resonanz erhoffen Sie sich von den Medien durch den Kinder- und Jugendbuchpreis, vor allem in Rückbesinnung auf Ihren Preis ein Jahr zuvor?

Janisch: Schön wäre, wenn viele Medien den Preis wahrnehmen – Medien, die nicht nur für ein Fachpublikum bestimmt sind.

"Das Buch wird für mich am schönsten, wenn ich mich selbst mit meiner Arbeit überraschen kann."
Linda Wolfsgruber im Gespräch

Portrait Linda Wolfsgruber

Sie sind regelmäßig mit Ihren Büchern beim Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis vertreten. Heuer wurde Ihr Buch "Das Meer ist riesengroß" mit einem Preis ausgezeichnet und 2 weitere Titel von Ihnen wurden in die Kollektion zum Preis aufgenommen. Wie geht's Ihnen dabei?

Wolfsgruber: Ich bin sehr glücklich darüber. Nun bin ich doch schon öfters ausgezeichnet worden, aber jedes Mal ist es eine Überraschung für mich. Ich freue mich sehr, dass meine Arbeit so geschätzt wird, es ist eine große Anerkennung für mich.

Welchen Unterschied gibt es denn, wenn Sie als Illustratorin an einer Erzählung von Inge Fasan, einer Sammlung mit Gedichten und Geschichten von Friedl Hofbauer oder an einer Kinderbibel arbeiten?

Wolfsgruber: Ich liebe es, wenn ich mir für jedes Buch etwas ganz Besonderes ausdenken kann. Das beginnt mit der Wahl der Mal- oder Zeichentechnik und hört dann bei der Gestaltung der Typografie auf. Leider kann ich Letzteres nicht immer selbst bestimmen, weil der Verlag oft schon Vorgaben hat.

Frage: Wie war das bei "Das Meer ist riesengroß"?

Wolfsgruber: Das Buch mit Inge Fasan ist so entstanden, dass ich eigentlich schon jede Menge "Wasserbilder" gemalt hatte. Da gab es eine Serie vom Jörgerbad, dem Schwimmbad im 17. Wiener Gemeindebezirk, und da gab es auch noch Bilder und Zeichnungen vom Wörthersee, wo ich in Velden an einem Malersymposium teilgenommen habe. Also jede Menge "Wasserbilder". Und dann kam Inge Fasan mit ihrem "Meerestext". Zufall oder nicht, es hat so gut gepasst, dass ich nur noch wenige Bilder für unser Buch machen musste. Ich fand, zu diesem sachlichen Text sollte unbedingt Stimmung dazukommen und so habe ich Inge Fasans Geschichte und meine Welt in Blau getaucht.

Frage: Und bei den Gedichten und Erzählungen von Friedl Hofbauer?

Wolfsgruber: Die Geschichten für das Buch "Geduld bringt Frösche" hat mir Richard Pils von der Bibliothek der Provinz zugeschickt. Den Zugang und den Schlüssel für die Gestaltung zu diesen Geschichten hat mir eine meiner alten Arbeiten ermöglicht: Es ist eine Haube aus Papier mit schwarzem Kohlestaub. Darauf hatte ich viele weiße Löwenzahnschirmchen angeklebt. Diese Haube habe ich fotografiert und zusammen mit einem Foto von einer Frau aus einer alten Modezeitschrift aufs Papier geklebt. Dazu kamen noch zwei Figuren aus grünem Buntpapier – und fertig war meine erste Collage für das Buch. Es sind meistens die kleinen und unwesentlichen Details in einer Geschichte, die mich inspirieren. Zum Glück weiß ich am Anfang nie, wie die Geschichte für mich ausgeht. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass mich eine genaue Vorstellung für die Gestaltung eher hemmt. Das Buch wird für mich am schönsten, wenn ich mich selbst mit meiner Arbeit überraschen kann.

Frage:War es eine besondere Herausforderung für Sie, Bilder zum "Buch der Bücher" zu gestalten?

Wolfsgruber: Als mir der Auftrag "Das Leben Jesu" zu bebildern ins Haus kam, gab es zuerst große Freude, dann große Aufregung und dann kam die Angst. In meinem Kopf sind alle möglichen Jesusabbildungen, verschiedenste Darstellungen vom Leben und Schaffen Jesu an den Wänden von verschiedensten Kirchen herumgetanzt. Ein Thema, das so oft schon bebildert wurde, macht Angst. Ich habe die verschiedenen Bilder noch einmal gesichtet und bin dann an einem Künstler nicht vorbeigekommen: Giotto. In meiner Arbeit wollte ich die Tradition der italienischen Malerei sowie die traditionelle Architektur, die Landschaft und die Kleidung der Menschen aus dem Leben und der Zeit Jesu zusammenbringen. Es sollte aber auch ein Buch werden, in dem man klar erkennt, dass die Bilder in der heutigen Zeit gemacht wurden. Während ich am Buch gearbeitet habe, hat mich ein Theologe und Bibelkenner in Fragen bezüglich Symbolik, richtige Darstellung usw. sehr unterstützt.

Frage: Sie haben einige Monate in Teheran gelebt und gearbeitet. Inwieweit sind Ihre Eindrücke und Erfahrungen, die Sie dort gesammelt haben, in die Gestaltung der Kinderbibel eingeflossen?

Wolfsgruber: Leider konnte ich die Eindrücke von meiner Reise nicht einfließen lassen, denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine Arbeit zur Bibel bereits fertig gestellt. Später machte ich im Iran einmal einen Inlandsflug – ich bin über die Wüste geflogen – und da sah ich diese kräftigen Schlagschatten von den Steinen und von den Sträuchern, genau so wie ich sie in der Bibel gezeichnet hatte. Hätte ich die Bibel nach meinem Aufenthalt im Iran gemacht, so glaube ich, dass sich Farben, Landschaftsbilder und Städtebilder sicherlich geändert hätten. Vielleicht wären sie dadurch noch authentischer geworden.

Jedoch konnte ich im Iran zwei Buchprojekte machen, eines davon ist "Pistazien und Rosenduft", ein Kochbuch über die traditionelle persische Küche. Ich habe dieses Buch gemeinsam mit elf Studentinnen und Illustratorinnen gestaltet. Das zweite Buchprojekt mit dem Titel "Der Vogel ist sterblich" ist eine konzeptuelle Arbeit. Es geht um die Verhüllung der Frauen, um Ganzkörperschleier und Augenmasken. Ich habe die Masken auf Papier aufgemalt oder aufgestickt und sie mit Motiven aus der traditionellen Miniaturmalerei versehen. Diese Arbeit begleiten Gedichte von Forugh Farrochsad, einer Literatin aus dem Iran.

Frage: Mit 3 neuen Büchern im Jahr 2007 zählen Sie zu den produktivsten Buchillustratorinnen des Landes. Welche Projekte liegen denn zurzeit in der "Werkstatt Linda Wolfsgruber"?

Wolfsgruber: Es gibt momentan vier Bücher, die dieses oder im nächsten Jahr publiziert werden. "Finns Land" mit einem Text von Heinz Janisch wird im Herbst 2008 im Hanser Verlag und "Daisy ist ein Gänseblümchen" im Frühjahr 2009 im Jungbrunnen Verlag erscheinen. Für die beiden anderen Bücher – "Animali di compagia", eine Gedichtsammlung von Jorge Lujan, und "Al oltro lado del rio", eine Geschichte von Antonio Ventura – gibt es noch keinen Erscheinungstermin.

Da können wir uns ja schon jetzt auf die neuen Bücher von Ihnen freuen. Wir danken für das Gespräch.


Linda Wolfsgruber wird für das Buch "Das Meer ist riesengroß" mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2008 in der Kategorie Jugendbuch ausgezeichnet.

Die Bücher "Das Leben Jesu" und "Geduld bringt Frösche" wurden in die Kollektion zum Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2008 aufgenommen.

"Es ist eine große Lust für mich, jedem Buch eine Form und einen visuellen Ausdruck zu geben ..."
Renate Habinger im Gespräch

Sie sind in St. Pölten geboren und leben in Oberndorf/Niederösterreich. In den Collagen Ihres Buches "Gaggalagu" verwenden Sie Karten eines gewissen Dr. h.c. Eduard Imhof aus dem Schweizerischen Mittelschulatlas 1962. Wie kommt das?

Habinger: Meine Verbindungen zur Schweiz sind privater Natur, und irgendwie habe ich so einen Mittelschulatlas von 1962 "geerbt". Ich habe ihn bei jedem Umzug mitgeschleppt und bin jetzt draufgekommen, dass er die Karten enthält, die ich am allerschönsten finde zurzeit: Schweizer Gletscher, mitteleuropäische Flussmündungen, asiatische Volksdichte-Karten. Im Golf von Mexiko schwimmen übrigens eigenartige Meereskreaturen herum, Zeugen gewisser Unterrichtsstunden ... Und die Karten, nicht die Zeichnungen, sind eben vom Herrn Imhof, der leider schon verstorben ist.

Frage: Das Seitenlayout, die Typografie und die gesamte Buchgestaltung von "Gaggalagu" sind selbst für das innovative Bilderbuch ungewöhnlich. Wie war die Arbeit mit dem Autor Michael Stavarič und mit kookbooks?

Habinger: Von Kookbooks her – in der Person von Daniela Seel – war große Offenheit und Neugier auf Ungewöhnliches vorhanden. Der Grafiker des Verlags, Andreas Töpfer, hat diese Tendenz unterstützt und auch für das Buch eine Schrifttype entwickelt sowie den Erstentwurf für die typografische Gestaltung. Insgesamt war die Zusammenarbeit sehr konstruktiv. Mit Michael Stavarič war es auch so, dass er für alles Außergewöhnliche und abstrus Witzige zu haben war. Andererseits hatte ich alle Freiheiten, die ich mir nehmen wollte. Wir waren uns auch einig, das Buch in die Gesamtgestaltung des Verlags einzubinden, indem wir die beiden Transparentpapierseiten auch im Kinderbuch einfügten, die ja in allen Publikationen des Verlags dabei sind.

Frage: Wie geht man als Illustrator einen Text wie den von Michael Stavarič an?

Habinger: Mir hat einerseits die Vielsprachigkeit der Tiere im Text von Michael Stavarič gefallen, weil ich mit meinen Freunden aus allen Teilen der Welt schon viel Spaß mit diesem Thema gehabt habe. Andererseits war ich fasziniert, wie durchkomponiert der Text ist. Wir haben ihn einander vorgelesen, Michael Stavarič und ich. Das war hochinteressant für mich. Ich mag prinzipiell Texte, bei denen die Sprache so wichtig ist. Normalerweise mache ich mir nach dem Lesen des Textes ein visuelles Konzept, also eine – auch technische – Vorstellung davon, was für einen Charakter die Bilder zu genau diesem Text haben sollen. Im Fall von "Gaggalagu" habe ich das nicht gemacht, sondern einfach herumprobiert. Diese Proben habe ich dann dem Autor und dem Verlag gezeigt und die Richtung ausgewählt, die allen gut gefallen hat. In "Gaggalagu" gibt es zwar keine durchgehende Geschichte, aber ein durchgehendes Thema mit seinem Ausdruck in verschiedenen Situationen. Also kann man formal auch beständig bleiben. Und formal bin ich bei den Kritzelzeichnungen geblieben, die allen Beteiligten am besten gefallen haben. Die habe ich dann im Computer noch weiterbearbeitet, damit ich was Neues lern’.

Frage: Warum soll ein junger Mensch "Gaggalagu" lesen und anschauen, anstatt den Kinderkanal einzuschalten?

Habinger: Na ja, ich plädiere für "Sowohl – Als auch": also Kinderkanal und lesen, je nach Tageszeit und Lust.

Frage: Was können denn Bilderbücher besser als andere Bildmedien? Medientechnisch gesehen, hat die Buchillustration ja einen ziemlichen Bart. Was macht Ihnen denn Spaß am Bücher-Illustrieren?

Habinger: Mag sein, dass manche Illustrationen einen Bart haben, medientechnisch sehe ich aber keinen. Ich bin halt altmodisch. Bilderbücher fügen sich einerseits dem Rhythmus der Betrachter, ihrem Zeitbedarf. Das ist für mich sehr wichtig, denn damit ermöglichen sie das Abschweifen und die Verbindung des Buches und des Inhalts mit dem eigenen Leben. Das muss man beim Film eher hinterher machen. Und es scheint mir auch so, dass Illustration zurzeit wieder ganz gut dasteht, wenn man zum Beispiel den Zeitschriftenmarkt anschaut. So, und zum angesprochenen Spaß: Den ihren müssen Ihnen die anderen Betrachter schon selbst erzählen. Zu meinem beim Arbeiten: Es stimmt, es ist eine große Lust für mich, jedem Buch eine Form und einen visuellen Ausdruck zu geben, der ihm – meiner subjektiven Meinung nach – entspricht. Da gehört die Buchgestaltung genauso wie die Illustration dazu. Dass Bilder im Kopf entstehen, ist für mich ganz normal, und die Stimmungen, die sie ausdrücken, zeigen eine andere Seite des Inhalts.

Herzlichen Dank für unser Gespräch.

Renate Habinger wurde für das Buch "Gaggalagu" mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2007 in der Kategorie Kinderbuch ausgezeichnet.

"Ich finde es überaus reizvoll, Kinder und Jugendliche spielerisch an schwierige Themen heranzuführen." 
Michael Stavarič im Gespräch

Frage: Sie haben 2 erfolgreiche Romane im Residenz Verlag vorgelegt und werden von der Kritik gerne als Shooting Star der österreichischen Gegenwartsliteratur bezeichnet. Klaus Nüchtern hat Sie sogar zum "Glamrocker unter den österreichischen Jungliteraten" gemacht: "schnell, originell und modebewusst". Sind Sie das?

Stavarič: Ich glaube der Terminus "Glamrocker" ist ursprünglich auf Gary Glitter zurückzuführen. Mich als Literaten damit zu belegen, ist im positiven Sinne amüsant. Es hat wohl nichts mit meiner Literatur zu tun, die von einer intensiven, formalen Auseinandersetzung zeugt; von poetischen Prinzipien und einem mir eigenen Narrativ (der von Projekt zu Projekt changiert). Ich glaube für "Glamrock" bin ich als Literat viel zu ernst, wenn auch, zugegeben, die Ironie bei mir eine tragende Rolle spielt. Für Mode habe ich zweifellos eine Schwäche, wobei sich hier auch nichts anderes als eine Sensibilisierung für formale Umsetzung widerspiegelt. Wie auch die Sprache ist die Kleidung ein elementarer Bestandteil unserer Identität, die wir ständig am Körper tragen. Mich reizt das seit jeher, weil es intensiv ist. Schnell war ich allerdings bestenfalls im Tennis (früher). Und originell zweifellos nie.

Frage: Mit "Gaggalagu" haben Sie das Genre gewechselt. Worin liegt für Sie der Reiz, Literatur für junge Leser zu schreiben?

Stavarič: In der Tat habe ich mit "Gaggalagu" etwas Neues versucht, Literarisches für Kinder gewissermaßen. Es war dies nicht nur eine große Herausforderung, es hat auch viel Spaß gemacht. Grundsätzlich interessieren mich die unterschiedlichsten Buchideen – nicht nur die klassische Belletristik. Es geht bei mir auch um Sachbuch, Dramaturgie, Lyrik, Übersetzungen und Kinderliteratur. Und es wird, das kann ich jetzt schon sagen, gewiss eine Fortsetzung im Bereich "Kinderbuch" geben. Ich finde es überaus reizvoll, Kinder und Jugendliche spielerisch an schwierige Themen heranzuführen. Bei "Gaggalagu" sind dies etwa "Identität" und "Integration".

Frage: In "Gaggalagu" zeigen Sie anhand kleiner Geschichten mit verschiedenen Tieren, wie vielsprachig die Welt ist. Was verbinden Sie mit dem Thema "Multikulturelle Gesellschaft"?

Stavarič: Wenn man so will, verdeutliche ich in "Gaggalagu" zunächst nur, dass der Mensch überall auf der Welt anders ist. Denn: Ein Frosch in Asien klingt gewiss nicht viel anders als einer in Afrika oder Europa; der Faktor "Mensch" macht den Unterschied (durch seine Wahrnehmung, Sprache und Identität). Es sind also weniger die Sprachen der Tiere, vielmehr aber jene der Menschen, die hier im Vordergrund stehen. Ich glaube, für Kinder ist über diesen "Umweg Tier" leichter nachvollziehbar, was Differenz bedeutet. Und dass Differenzen überbrückt werden können. Das ist gleichsam die Grundbedingung einer multikulturellen Gesellschaft.

Frage: Woher wissen Sie eigentlich, wie ein Frosch in Estland quakt? Feldforschung? Kennen Sie dort einen Zoologen? Haben Sie dafür Wörterbücher verwendet? Oder einfach "gegaggalagoogelt"?

Stavarič: Das war in der Tat kein Leichtes. Durch meine Kenntnisse der slawischen Sprachen hatte ich zwar einen kleinen Startvorteil, doch kam ich sehr schnell an meine Grenzen. Und auch mein Freundes- und Bekanntenkreis konnte mir bald keine Auskünfte mehr geben. So habe ich einiges bei Botschaften angefragt, in diversen Newsgroups, natürlich auch gegoogelt (was aber bei Tierlauten nur wenige Ergebnisse bringt). Es war insgesamt ein durchaus schwieriger Rechercheprozess. Letztendlich habe ich aber weitaus mehr zusammengetragen, als ich im Buch verwenden konnte – und es gäbe noch weitaus mehr zu entdecken.

Frage: "Gaggalagu" scheint ja bis ins kleinste Detail durchgeplant zu sein. Wie war denn die Zusammenarbeit mit kookbooks und mit der Illustratorin, mit Renate Habinger?

Stavarič: Ich habe zuvor lange überlegt, mit welchem Illustrator ich dieses Projekt angehen möchte – wo ich doch lange Zeit niemanden aus dieser Branche persönlich kannte. Nachdem man mir Renate Habinger vorstellte, war für mich sehr bald klar: sie oder keine. Nicht zuletzt ist mir bei Buchprojekten an einem gelegen: ich will diese mit Menschen umsetzen, die mich restlos überzeugen. Gleiches gilt für meine Verlegerin Daniela Seel, die uns bei diesem Projekt alle Möglichkeiten offen ließ. Sie kannte klarerweise die Texte, als sie sich für das Buch entschied, aber alles andere war für sie eine große Überraschung. Nicht zuletzt bringt "Gaggalagu" für Kookbooks auch eine gewisse Nachhaltigkeit. Daniela Seel hat es dazu genutzt, eine Kinderbuchreihe zu begründen. Vor wenigen Tagen ist auf der Leipziger Buchmesse ein weiteres (spezielles) Kinderbuch präsentiert worden und ich hoffe, dass noch viele weitere folgen mögen.

Frage: Schriftsteller sind ja in der Regel eifrige Leser. Gab es Bücher und Leseerlebnisse in Ihrer Kindheit und Jugend, die für Sie besonders wichtig waren?

Stavarič: Ich habe sehr lange sowohl tschechische Bücher als auch österreichische gelesen. Diese bilinguale Auseinandersetzung war sehr wichtig für mich, denn dadurch konnte ich mich im österreichischen Kontext zurecht finden, ohne aber meine Wurzeln zu verlieren. Das Lesen war für mich also nicht einfach nur Unterhaltung – es war eine Begegnung von zwei Welten und Sprachen, eine identitätsstiftende Maßnahme. Klassische Kinderbücher sind bei mir vor allem tschechische Märchen, wie etwa jene von Karel Jaromir Erben. Gemocht habe ich zudem Ferda Mravenec: eine fleißige Ameise, mit rotem Halstuch, die jedes tschechische Kind kennt. In Österreich sind die Abenteuer des tschechischen Maulwurfs wohlbekannt, der als Trickfilm mein abendliches Betthupferl bildete. Ansonsten – und auf Deutsch – habe ich schon sehr früh allerlei gelesen: deutsche Sagen und Märchen, Karl May, gut und gern auch Comics oder Geschichten von Jack London.

Herzlichen Dank für unser Gespräch.

Michael Stavarič wurde für das Buch "Gaggalagu" mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2007 in der Kategorie Kinderbuch ausgezeichnet.

"Beim Illustrieren ist es die Suche nach dem einen, besonderen, manchmal vielleicht auch magischen Moment."
Jens Rassmus im Gespräch

Portrait Jens Rassmus

Im vergangenen Jahr wurde Ihr Bilderbuch "Der Großvater im rostroten Ohrensessel" mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Der Text und die Geschichte stammen von Jutta Treiber. Heuer erhalten Sie für Ihr Kinderbuch "Der karierte Käfer" diesen Preis. Text und Illustration: Jens Rassmus. Wird man vom Schriftsteller Jens Rassmus in Zukunft noch mehr zu lesen kriegen?

Rassmus: "Der karierte Käfer" ist das vierte Buch, das ich selbst geschrieben habe und ich würde gerne noch weitere schreiben. Im Moment plane ich eine längere Geschichte, einen kleinen Roman für Kinder, mal sehen, ob es gelingt. "Der karierte Käfer" war ja bereits ein Schritt vom Bilderbuch weg, hin zu einer textlastigeren Form, auch wenn die Geschichten im Buch sehr kurz sind.

Frage: Illustrieren und Schreiben sind ja zwei völlig unterschiedliche künstlerische Tätigkeiten.

Rassmus: Ich habe eine Reihe schwarzer Hefte, in die ich Ideen für bestimmte Situationen, Sätze, Figuren oder andere Details, die mir einfallen, hineinschreibe und -zeichne. Wenn ich an einer Geschichte arbeite, versuche ich aus diesen einzelnen Ideen etwas Zusammenhängendes zu bauen. Ich denke dabei meist noch nicht in Kategorien von Text oder Bild. Oft habe ich eine Vorstellung davon, was passiert, weiß aber noch nicht, warum etwas passiert. Einige Dinge lassen sich gut in Texten und andere gut in Bildern erzählen. Vieles lässt sich sicher auch auf ganz verschiedene Weisen gut erzählen, und ich finde es reizvoll, mir über diese Möglichkeiten Gedanken zu machen. Beim Schreiben versuche ich auf Rhythmus und Timing zu achten, beim Illustrieren ist es die Suche nach dem einen, besonderen, manchmal vielleicht auch magischen Moment. Wenn Text und Bild zusammenkommen, ist es eigentlich immer dieser Gegensatz von fließend und starr, der den Reiz ausmacht.

Frage: In Ihrem Buch "Der karierte Käfer" bewegen Sie sich in der literarischen Tradition der Fabel. Wir alle kennen den schlauen Reinecke Fuchs, den stolzen Storch Adebar, die geschwätzige Gans Adelheid, den vorlauten, aber ängstlichen Meister Lampe. Haben Sie sich durch die Bewohner dieses sehr menschlichen Zoos inspirieren lassen?

Rassmus: Nein, ich glaube nicht. Mein Fuchs ist eher ein cholerischer Trottel und nicht besonders schlau. Es gibt schon auch Eigenschaften, die ich bestimmten Tieren nicht unbedingt zutraue, zum Beispiel fällt es mir schwer, mir eine kluge Ente vorzustellen. Aber ich habe das Gefühl, diese festgelegten Tiercharaktere aus der traditionellen Fabel sind mittlerweile ziemlich verblasst.

Frage: Ihre Tiere sind aber auch sehr menschlich, und dem entscheidungsschwachen Bärenkind, dem lernresistenten Flamingo und dem depressiven Elefanten mit Gewichtsproblemen aus Ihrem Buch bin ich bereits begegnet. Aber worauf ich eigentlich hinaus wollte: Die klassische Fabel will belehren und unterhalten. Was kann ich denn aus Ihren Fabeln lernen?

Rassmus: Wenn Sie sagen, dass Ihnen solche Figuren wie in den Geschichten schon über den Weg gelaufen sind, freut mich das. Wenn Sie sagen würden, Sie hätten diese oder jene Lehre aus den Geschichten ziehen können, würde es mich eher beunruhigen, denn das hieße, dass sie gradlinig und zielgerichtet wären, und mir ging es eigentlich gerade um Wendungen und Brüche. Doch ich glaube, man kann aus allen Geschichten, die einen in irgendeiner Weise berühren, etwas lernen.

Frage: Wenn ich Sie in eine Reihe mit anderen Illustratoren stellen müsste, so fallen mir Michael Sowa und Bernd Pfarr ein.

Rassmus: Ich würde meine Bilder nicht mit denen Michael Sowas und Bernd Pfarrs in eine Reihe stellen, denn diesem Vergleich hält meine Arbeit nicht stand. Die Bilder von Sowa und Pfarr schätze ich aber sehr, das stimmt, und es kann schon sein, dass mich von den zeitgenössischen Buchillustratoren diese zwei mit am meisten beeinflusst haben. Insofern liegen Sie da schon ganz richtig.

Frage: Wie lange müssen wir denn auf den "neuen" Jens Rassmus noch warten? Und können Sie uns schon etwas verraten?

Rassmus: Das nächste, was erscheinen wird, ist eine Piratengeschichte mit dem Titel "Sonundso" im Coppenrath Verlag, für die ich die Illustrationen gemacht habe. Und dann hoffe ich sehr, dass der Sauerländer Verlag Anfang 2009 das Bilderbuch "Bauer Enno und seine Kuh Afrika" neu auflegt. Ansonsten versuche ich gerade – wie schon gesagt – ein längeres Buch zu schreiben. Doch da kann ich noch nichts verraten, denn ich weiß selbst noch kaum etwas darüber.

Herzlichen Dank für das Gespräch.


Jens Rassmus wird für das Buch "Der karierte Käfer" mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2008 in der Kategorie Kinderbuch ausgezeichnet.

"Was Bilderbücher gut können, ist langsam sein."
Jens Rassmus im Gespräch

Frage:Ihre Bücher waren bereits mehrere Male beim Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis vertreten. Im Jahr 2006 ging auch der Preis der Jugendjury an Sie. Jens Rassmus: Österreichs liebster Illustrator aus Deutschland, sozusagen. Wie geht's Ihnen dabei?

Rassmus: Gut geht´s mir dabei. Es ist wirklich sehr viel Ehre. Und als ich erfuhr, dass ich dieses Jahr wieder einen Preis bekomme, fragte ich mich tatsächlich, ob das jetzt nicht sogar zuviel der Ehre ist, zumal für einen norddeutschen Küstenbewohner! Doch es ist natürlich wunderbar einen Preis zu bekommen, eine schöne Anerkennung. Es freut mich sehr.

Frage: Wie kommt man eigentlich zum Bücher-Illustrieren und zum Bilderbuch? War das Zufall, oder war das ein lange gehegter Berufswunsch?

Rassmus: Ich habe in Hamburg bei Rüdiger Stoye Kinder- und Jugendbuchillustration studiert, insofern war das ein sehr gerader Werdegang. Vor dem Studium hatte ich jedoch überhaupt keinen Bezug zu Bilderbüchern. Mir war nur klar, dass ich weder Freie Kunst noch Grafik-Design machen wollte. Am liebsten wollte ich Comic-Zeichner werden, denn ich war sehr von Moebius und Tardi fasziniert.

Frage: Die Faszination, die Comics auf einen Menschen mit – sagen wir einmal – 16, 17 Jahren ausüben, kann ich leicht nachvollziehen. Aber warum will jemand in diesem Alter "Buchillustration" studieren? Medientechnisch gesehen, hat die Buchillustration ja einen ziemlichen Bart. Oder?

Rassmus: Bücher-Illustrieren studieren wollte ich erst, als ich mit dem Studium angefangen und mich ein wenig orientiert hatte. Und ich war da auch schon etwas älter, Mitte 20. Ich denke nicht, dass ich zwangsläufig beim Bilderbuch und der Buchillustration gelandet bin. So eine Entwicklung ist ja meistens nur zum Teil freie Entscheidung und zum anderen Teil sind es Zufälle und Umstände. Ich fühle mich beim Bilderbuch allerdings sehr wohl und wahrscheinlich hat das sogar etwas mit dem Bart zu tun. Jedes Medium lebt schließlich durch die Beschränktheit seiner Möglichkeiten. In einem Bilderbuch stehen in der Regel nur 12 Doppelseiten für das Erzählen einer Geschichte zur Verfügung. Dadurch werden die einzelnen Seiten oder die Kombinationen aus Text und Bild sehr eindringlich. Wie ein Konzentrat. Das gefällt mir. Und mir gefallen auch klassische Arbeitstechniken, wie Malerei oder Tuschfeder, die haben ebenfalls einen ziemlichen Bart.

Frage: Warum soll ein junger Mensch "Der Großvater im rostroten Ohrensessel" lesen und anschauen, anstatt den Kinderkanal einzuschalten?

Rassmus: "Der Großvater im rostroten Ohrensessel" ist ja so eine Art Plädoyer für das Bilderbuch. Bilderbücher werden in der Regel vorgelesen. Das Kind braucht dazu also einen Erwachsenen (oder umgekehrt). Und Bilderbücher werden zusammen angeschaut, das heißt Kind und Erwachsener sitzen dicht beieinander. Das Buch schafft also schon allein durch seine Handhabung Nähe und eine Verbindung. Dazu kommt das Reden über die Geschichte – gerade bei einem Buch wie dem "Großvater", das ein Gespräch quasi einfordert. Ein anderer Unterschied zum Kinderkanal ist der Faktor Zeit. Anders als beim Film lässt sich das Rezeptionstempo beim Buch selbst regulieren. Man kann auch zurückblättern oder gleich noch mal von vorne beginnen. Was Bilderbücher gut können, ist langsam sein. Die Bilder werden länger und intensiver betrachtet und können deswegen sehr viel komplexer sein als Bilder in anderen Medien. Vielleicht könnte man sagen: mehr Tiefe als Breite – gut zum Eintauchen.

Frage: Krankheit und Tod des Großvaters sind kein leichtes Thema für ein Bilderbuch. Was kann die Illustration bei einem solchen Text leisten?

Rassmus: Ich denke, das Verhältnis von Text und Illustration beim Bilderbuch ähnelt dem von Drehbuch und Regiearbeit beim Film. Der Text enthält oft nur sehr wenige, manchmal auch gar keine Vorgaben bezüglich der Figuren, des Raums oder der sonstigen Bildelemente. Die Illustrationen inszenieren die textliche Vorgabe. Gerade bei sehr offenen Texten wie dem "Großvater im rostroten Ohrensessel" gibt es für mich als Illustrator viele Möglichkeiten und Richtungen, in die ich gehen kann. Und ich treffe viele Entscheidungen, die die Geschichte inhaltlich steuern. Dass der "Großvater" eine Trostgeschichte über Krankheit und Tod sei, behauptet hauptsächlich der Umschlagtext des Verlags. Das ist mir viel zu eng. Es geht in der Geschichte ja auch um die Einsamkeit des Kindes, sein Verhältnis zu den Eltern, das Verschwinden von Grenzen zwischen Phantasie und Wirklichkeit, Geborgenheit. Ich habe mich bemüht, diese Offenheit und Mehrschichtigkeit der Geschichte zu erhalten und etwas auszubauen. Es sollte auch offen bleiben, ob der Großvater ein frei erfundener oder einer der beiden Opas ist, an den sich das Mädchen erinnert. Das war mir sehr wichtig. Ich denke, durch dieses Angebot von Sichtweisen innerhalb der Bilder können Kinder ihren eigenen Blick auf die Geschichte finden. Für einige Kinder ist es dann eine Geschichte über Krankheit und Tod, für andere Kinder aber vielleicht auch eine ganz andere Geschichte.

Frage: Hat Ihnen Ihr Großvater auch vorgelesen?

Rassmus: Nein. Fürs Vorlesen war meine Mutter zuständig. Einer meiner beiden Großväter hat mir aber Bilder gezeichnet und mit der Post zugeschickt.

Frage: Gab es Bücher und Leseerlebnisse in Ihrer Kindheit und Jugend, die für Sie besonders wichtig waren?

Rassmus: Nein, ich wüsste kein Buch, das ich da besonders herausstellen könnte. Ein Großteil meiner Lesesozialisation bestand aus Comics: Petzi-Hefte, Asterix, Tim und Struppi. Wahrscheinlich wurde ich durch sie am meisten geprägt.

Frage: Zum Schluss kurz zurück zum Comic-Zeichner Jean Giraud alias Moebius: Die Serie "John Difool" oder doch eher "Leutnant Blueberry"?

Rassmus: "Die hermetische Garage des Jerry Cornelius" und "John Difool".

Das sehe ich ganz genauso. Herzlichen Dank für unser Gespräch.


Jutta Treiber / Jens Rassmus: "Der Großvater im rostroten Ohrensessel". Wien, Düsseldorf: Dachs-Patmos 2006, 32 S. 
Österreichischer Kinder- und Jugendbuchpreis 2007, Bilderbuch

"Manche Leute finden unsere Bücher zu schwer, manche finden sie pädagogisch, andere ganz einfach und gänzlich unpädagogisch – so weit, so uneinheitlich."
Christine Aebi und Lilly Axster im Gespräch

Portrait Christine Aebi
Christine Aebi

Sie haben gemeinsam bisher drei Bücher veröffentlicht, "Wenn ich groß bin, will ich FRAUlenzen", "Jenny, sieben" und "Alles gut". Alle 3 wurden mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Was ist denn das Besondere an den Büchern von Lilly Axster und Christine Aebi?

Lilly Axster: Tja, auf diese Frage können natürlich am besten die antworten, die unsere Bücher für den Preis ausgewählt haben. Ich werde es trotzdem versuchen, nehme aber an, dass die meisten AutorInnen/MalerInnen ähnliches über ihre Bücher sagen würden: Christine und ich versuchen in unseren Büchern, Gefühle und Beziehungen in Bild und Wort auszudrücken und dabei zwei eigene Welten zu finden (Bild und Text), die einander nicht erklären, sondern die je für sich stehen könn(t)en. Aber, wie gesagt, das würden, nehme ich an, die meisten KollegInnen für sich ähnlich ausdrücken.

Christine Aebi: Wir arbeiten zum Beispiel mit verschiedenen Ebenen. Wobei das nicht unsere Erfindung ist, das tun auch andere auf ihre Weise. In allen drei Büchern habe ich jeweils zwei unterschiedliche Darstellungsweisen gegenüber gestellt. In "Alles gut" sind das einerseits die perspektivisch streng konstruierten, linear umrissenen Räume mit den entsprechenden Figuren, andererseits die erkritzelten Figuren, die sich in abstrakten Räumen aus Notizpapieren bewegen. Diese beiden Bildebenen kontrastieren sich anfangs stark und vermischen sich am Ende der Geschichte. Sie zeigen an ihren Schnittstellen auf, dass Darstellungen "nur" Konstruktionen sind und stellen Sehgewohnheiten von Kindern und Erwachsenen etwas Unbequemes entgegen. Mit den beiden Bildebenen wird außerdem die offene Frage nach Wirklichkeit und Fantasie in der Geschichte ergänzt. Von (Körper-) Gefühlen ausgehend, gestalte ich die Figuren in ihren Räumen und umgehe somit eine additive Anordnung des Inventars.

Lilly Axster: Manche Leute finden unsere Bücher zu schwer, manche finden sie pädagogisch, andere ganz einfach und gänzlich unpädagogisch – so weit, so uneinheitlich. Vielleicht sollte ich mehr bei mir und meinem eigenen Zugang bleiben, um nicht in Gemeinplätze zu verfallen. Ich versuche in den Texten den möglichst unmittelbarsten Ausdruck für die jeweiligen Gefühle zu finden, oft verknappt, manchmal atemlos, immer fragend, weil alles auch ganz anders sein könnte oder weil hinter jedem Gefühl schon ein nächstes, anderes wartet. Ich unterscheide dabei nicht zwischen Gefühlen von kleinen und großen Leuten – jedenfalls nicht in der Intensität und Unmittelbarkeit. Die Auslöser für starke Gefühle sind natürlich jeweils unterschiedlich. Vielleicht ist besonders an unseren Büchern, dass sie Bilderbücher und damit (fast) automatisch Kinderbücher sind, weil die Hauptfiguren Kinder sind und nicht, weil der Stoff ein Kinderstoff ist. Angst, Eifersucht, Liebe, Verlorenheit, Hoffnung, FreundInnenschaft, um nur einige zu nennen, sind Gefühle, die alle kennen.

Frage:In Ihren Büchern beschäftigen Sie sich mit brisanten und aktuellen gesellschaftlichen Problemen, gehen diese dann aber meist nicht aus der üblichen Perspektive an, sondern wählen immer einen etwas anderen Blickwinkel. In "Jenny, sieben" zum Beispiel, einer Scheidungsgeschichte, wird die Beziehung Vater-Tochter beleuchtet.

Christine Aebi: Es sind unsere Themen und es sind unsere Perspektiven, die wir in die Bücher einbringen und klar benennen. Wir machen keine Bücher als Mittel zum Zweck eines pädagogischen Ziels. Grundsätzlich lasse ich mich gerne von formalen Fragestellungen leiten. Inhaltliche Themen klinken sich von selber ein. Sollte ein inhaltliches Thema den Start machen, muss es zumindest ein starkes formales Thema ins Team holen, bevor es sich auf den Weg macht. In "Alles gut" habe ich das Thema "Ordnungen" eingebracht. Mein Interesse galt einerseits dem durch Gestaltungstraditionen, Druck- und Buchbindetechnik geprägten Ordnungssystem von Bilderbüchern. Andererseits beobachtete ich, wie Personen in meinem Umfeld Ordnungen in ihren Räumen schaffen und erkundigte mich danach, wie sie es als Kinder getan haben. Als Mädchen legte ich riesige Sammlungen an Material zum Basteln an: bunte Bänder, Stoffe, Spitzen, farbige Papiere usw. Ich fand es sehr befriedigend, diese Sammlungen anzulegen, zu ordnen und zu hüten. Ein weiterer Schatz war meine Briefmarkensammlung, in der ich die kleinen Bildchen nach formalen Aspekten ordnete. Dadurch entstand eine kleine Enzyklopädie, ein Miniaturuniversum, eine Welt in der Welt. Die eigene Welt zu ordnen und somit auch zu verarbeiten, scheint gleichermaßen ein Bedürfnis von Kindern und Erwachsenen zu sein. Als Lilly das Thema "Umzug in die Türkei" einbrachte, interessierte mich die Frage, wie ich exotisierende Darstellungen von Raum und Figur bzw. die Darstellung "der anderen Welt" vermeiden könnte. Wir bringen beide über Bild oder Text während des Prozesses unsere Themen ein. Welche Themen sich letztendlich im fertigen Buch in den Vordergrund drängen oder aber im Hintergrund mitschwingen – davon lassen wir uns genau so überraschen wie die LeserInnen des fertigen Buchs.

Portrait Lilly Axster
Lilly Axster

Lilly Axster: Bei allen 3 Büchern, "Wenn ich groß bin, will ich FRAUlenzen", "Jenny, sieben" und "Alles gut", sind Christine und ich nicht von Themen ausgegangen, sondern die haben sich erst im Lauf des Prozesses ergeben.

Beim ersten Buch, dem ja ein Theaterstück gleichen Namens zu Grunde liegt, bin ich lediglich von dem Wort "FRAUlenzen" ausgegangen, das eine Wortschöpfung der Linguistin Luise Pusch ist. Ich habe geschrieben, was "fraulenzen" alles heißen könnte, wie ein verfraulenzter Tag ausschaut etc. Erst beim Schreiben hat es sich ergeben, dass die Personen, die fraulenzen, Königin C und Königin D sind, und noch viel später erst kam das Thema des Mädchens dazu, das allein zu Hause ist und sich vor Geräuschen fürchtet und das dann mit Hilfe der Königinnen seine Angst überwindet.

Beim zweiten Buch, "Jenny, sieben", war der Ausgangspunkt ebenfalls nicht das Thema (in dem Buch geht es um Jennys ersten Geburtstag nach der Trennung ihrer Eltern), sondern mein Wunsch, in der ebenfalls zu Grunde liegenden Theaterfassung namens "Tochtertag" mit dem Schauspieler Massud Rahnama zusammenzuarbeiten und für ihn ein Stück zu schreiben, in dem er einen Vater und dessen Tochter gleichzeitig spielt. Das war der Anstoß zu "Tochtertag" bzw. "Jenny, sieben". Dass es dann in der Auseinandersetzung zwischen Tochter und Vater u.a. um Verlustängste beider nach der Trennung der Eltern geht, ist erst während des Probenprozesses entstanden. Und in der Arbeit am Bilderbuch dann hat Christine die bildliche Umsetzung des Papiervaters gefunden, auf die ich wiederum im Text eingegangen bin.

Im dritten Buch, "Alles gut", sind Christine und ich von uns beiden früher und heute ausgegangen und der Tatsache, dass wir beide in ein anderes Land, nämlich Österreich, gezogen sind. Christine hat Kinderfotos von uns als Motive genommen und wir haben daraus die Charaktere im Buch entwickelt. Dass schließlich die Geschichte eines Umzugs im Mittelpunkt des Buches steht, war am Anfang gar nicht beabsichtigt. Der Eindruck also, dass wir in unseren Büchern von schwierigen gesellschaftlichen Themen ausgehen, die wir bearbeiten wollen, trügt ziemlich. Dass wir jeweils bei solchen Themen landen, ist vermutlich kein Zufall, weil sie uns interessieren. Aber der Weg dorthin hat in allen drei Büchern über ganz andere, teils rein formale Stationen oder praktische Zugänge geführt.

Frage: Welche Projekte liegen derzeit in der "Werkstatt Aebi/Axster"? Worauf dürfen die Leserinnen und Leser gespannt sein?

Christine Aebi: Ja, es liegt noch ein begonnenes Projekt in einem Schubladenmöbel unserer Werkstatt. Wir sind damit irgendwann stecken geblieben und ob wir damit den weiteren Weg finden werden, wird sich zeigen. Ausgangspunkt ist das Thema "Körpergefühle und kindliche Sexualität". Seither beobachte ich bewusster, wie Darstellungen von Körper und Sexualität in den sogenannten Aufklärungsbüchern für Kinder und Jugendliche funktionieren und was sie transportieren. Sie basieren zum Beispiel auf der Auffassung, dass Personen erst in der Pubertät zu sexuellen Wesen werden. Eine spannende Herausforderung, in all diesen (von vermeintlich eindeutigen Geschlechtszuschreibungen und heteronormativem Blickwinkel und anderem) besetzten Darstellungstraditionen einen Weg zu suchen. Wann rücken die Darstellungen von (nackten) Körpern zu nahe? Wann sind sie sexualisiert? Wann entsexualisiert? Wann anatomische technische "Gliederpuppen"? Und wer weiß, vielleicht drängen sich uns in Zukunft noch andere Themen auf.

Lilly Axster: Dieser Skizzendummy mit einem Text von Christine und mir begleitet uns schon lange. Ob wir da weitermachen werden und wie und wann, ist zurzeit nicht klar. Bei diesem Projekt steht in der Tat und das erste Mal ein Thema am Beginn, nämlich die Suche nach Bildern und Texten zu kindlicher Sexualität. Vielleicht liegt es deswegen schon lange auf unseren Tischen, weil, wie ich glaube, der Start von einem Thema weg viel schwieriger ist als der Start über eine Bild- oder Wortidee oder sonstige Zugänge. Wir möchten auch in diesem neuen Projekt kein Sachbuch machen, kein Aufklärungsbuch etc., müssen aber erst die Zeit und den gemeinsamen Raum finden, um andere Zugänge bzw. einen Einstieg zu finden. Und wie so oft kann es sein, dass dann plötzlich etwas ganz anderes unsere Wege kreuzt und wir in etwas Neues eintauchen. Darüber können wir aber noch nichts sagen, weil wir es selber noch nicht wissen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.


Christine Aebi und Lilly Axster werden für das Buch "Alles gut" mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2008 in der Kategorie Kinderbuch ausgezeichnet.

"…und plötzlich war die Geschichte da." 
Inge Fasan im Gespräch

Portrait Inge Fasan

Frage: "Das Meer ist riesengroß" erzählt die Geschichte von jemandem, der davon träumt, ans Meer zu fahren. Wie sind Sie denn zu diesem Stoff gekommen?

Fasan: Die Geschichte ist schon einige Jahre alt. Sie entstand parallel zur Beschäftigung mit bzw. zur Mitarbeit an einem Abend zum Thema "Seemannslieder" im Theater in der Drachengasse. Ich habe damals ununterbrochen Freddy Quinn und Lolita gehört und mich auch daran erinnert, wie es für mich als Kind war, von der Existenz des Meeres zwar zu wissen, aber keine genaue Vorstellung davon zu haben – und plötzlich war die Geschichte da.

Frage: Wann waren Sie denn das erste Mal am Meer?

Fasan: Ich war mit 12 oder 13 Jahren zum ersten Mal am Meer – und schrecklich enttäuscht. Ich war damals an der englischen Südküste auf Sprachferien. Es nieselte, eine schmutzig-graue Brühe schwappte meinen Füßen entgegen. Ich erinnere mich daran, dass der Strand mit unzähligen Stückchen einer weißen Plastikfolie übersät war, die im Wind dahinraschelten. Die weiße Plastikfolie kontrastierte mit vereinzelten dunklen Ölpatzen. Alles in allem also nicht sehr einladend. Mir taten die Möwen leid, die in dem Schmutz herumstolzierten. Zwischen den Plastikstückchen und den Ölflecken waren sie mit ihren schwarz-weißen Federn allerdings ideal getarnt.

Wirklich und nachhaltig beeindruckt war ich erst Jahrzehnte später von der Tasmanischen See zwischen Tasmanien und der Antarktis. Dort donnert, tost und rollt einem die Brandung in die Ohren – das hat nichts Gezähmtes mehr. Als ich dann meine erste Robbe in freier Wildbahn gesehen habe, war ich überglücklich.

Frage: Ernest Hemingway hat das Meer als den letzten freien Ort auf der Welt bezeichnet. Was bedeutet das Meer für Sie?

Fasan: Vom Meer als einem "freien Ort" kann keine Rede mehr sein. Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre konnte man sich auf dem Meer der Zivilisation unter Umständen noch entziehen. Thor Heyerdahl tat das etwa 1947 mit seinem Kon-Tiki-Experiment, dem damals ungeheures Interesse entgegen gebracht wurde. Ernest Hemingway schrieb "The Old Man and the Sea" Anfang der 50er und bald danach sang Freddy Quinn Seemannslieder. Dieses kollektive Freiheitsgefühl, das damals mit dem Meer verbunden war, gibt es sicher nicht mehr. Vielleicht empfinden Alleinsegler noch so etwas Ähnliches. Aber dabei geht es mittlerweile auch eher darum, wer im Alleingang schneller um die Welt segelt, als darum, ein besonderes Gefühl zu erleben.

Ich persönlich habe ein zwiespältiges Verhältnis zum Meer: Ehrlich gesagt fürchte ich mich ein wenig davor oder habe zumindest gehörigen Respekt. Ich halte mich gerne am Meer auf, ich schwimme aber nicht gerne im Meer, weil es mir irgendwie zu eigenständig, zu selbstständig ist. Ich habe immer das Gefühl, es könnte mich jederzeit verschlingen oder vernichten und duldet mich nur gnädig, wenn ich darin herumstrample. Darum bleibe ich lieber am Ufer und beobachte. Überhaupt interessieren mich am Meer eher die Übergänge von Land und Wasser, die Strände, die Ränder, die Küsten und die Menschen, die dort wohnen, quasi das Leben zwischen zwei Aggregatzuständen. Ich glaube, dass die Menschen, die vom und mit dem Meer leben, auch ganz besondere Geschichten zu erzählen haben. Das ist wahrscheinlich ein Traum von mir: eine Zeit lang an einer Küste zu wohnen und den Geschichten der Menschen zuzuhören.

Frage: Aber "Das Meer ist riesengroß" erinnert doch an diese Sehnsucht, die das Meer darstellt?

Fasan: Natürlich existiert der Traum in meinem Buch, und das Meer als Symbol für Sehnsucht nach Freiheit oder Ferne hat auch sicher noch nicht ausgedient. Man darf aber nicht vergessen, dass "Das Meer ist riesengroß" die Geschichte einer Kindheit erzählt, die etwa 50 Jahre zurückliegt. Damals war die Vorstellung vom Meer sicher noch vager und geheimnisumwitterter, weil es nicht so leicht und schnell zu erreichen war wie heute. Nach dem Unbekannten sehnt man sich wahrscheinlich noch mehr, weil diese Sehnsucht mit eigenen Wünschen und Vorstellungen gefüllt werden kann.

Frage: Ihr Buch ist ja keine "klassische" Erzählung für Kinder, sondern eine Geschichte, die wohl auch Erwachsene lesen können. Hat es Sie überrascht, den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis zu erhalten?

Fasan: Ich war grenzenlos überrascht, den Preis zu bekommen. Ich habe die Benachrichtigung zuerst sogar für einen Irrtum gehalten. Erst nach einem Telefonat mit Linda Wolfsgruber habe ich registriert, dass es wirklich wahr ist – und mich wahnsinnig gefreut.

Ich finde die Entscheidung der Jury auch sehr mutig, weil das Buch – wie Sie richtig sagen – kein klassischer Text für Kinder ist und auch in die Kategorie "Jugendbuch" nicht wirklich passt. "Das Meer ist riesengroß" ist eben auch ein Bilderbuch und die Kategorie "Bilderbücher für Jugendliche" (und auch für Erwachsene) existiert einfach nicht. Dabei gibt es genügend tolle Bücher, die man in eine derartige Kategorie einordnen könnte.

Frage: Und planen Sie nun, auch für Kinder zu schreiben?

Fasan: Extra FÜR Kinder zu schreiben, habe ich mir noch nie vorgenommen und ich wüsste auch gar nicht, wie ich das anstellen soll. Wenn mir ein Text gelingt, den auch Kinder oder Jugendliche lesen wollen, dann ist das – für mich zumindest – ein Riesenerfolg. Kinder und Jugendliche sind viel kompromissloser und nehmen ein Buch sicher nur dann zur Hand, wenn es sie wirklich interessiert, und nicht, weil es gerade in ist, den jeweiligen Autor oder die jeweilige Autorin zu lesen. In diesem Sinn kann ich nur hoffen, dass mir viele solche Texte einfallen!

Herzlichen Dank für das Gespräch.


Inge Fasan wird für das Buch "Das Meer ist riesengroß" mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2008 in der Kategorie Jugendbuch ausgezeichnet.

"Und auf einmal war ich in einem neuen Beruf gelandet." 
Gerda Anger-Schmidt im Gespräch

Portrait Gerda Anger-Schmidt

Frage: In einem Interview meinten Sie, Wüstenwanderin, Dogwalker, Fotografin und Filmemacherin seien Berufe, die Sie sich vorstellen können. Da drängen sich zwei Fragen auf: Was, bitte, soll ich mir unter einer Wüstenwanderin vorstellen? Und wie sind Sie zur Kinderliteratur gekommen?

Anger-Schmidt: Meine Vorstellung von Leben und Beruf hatte sichtlich immer schon mit Unterwegssein (Gehen, Wandern, Fahren, Reisen) zu tun, mit Abschied und Aufbruch, und darüber zu berichten (in Briefen) oder zu erzählen. Zu Ihrer Frage: Warum Wüstenwanderin? Weil mich die Wüste immer schon sehr fasziniert hat, als Lebensraum und auch als geistiger Raum, in dem Transzendenz (be)greifbar ist, wo der Mensch ganz auf sich selbst gestellt ist und auf die knappen Ressourcen bzw. die Gastfreundschaft anderer Wüstenvölker angewiesen ist. Die Kargheit und die Formenschönheit, die Leuchtkraft der Farben und die unendlichen Weiten der Wüste sind mit nichts sonst vergleichbar.

Einmal war eine Reise nach Botswana in die Kalahari-Wüste ein ganz konkretes Ziel. Ein Freund und ich hatten uns zwei Jahre lang darauf vorbereitet und wollten dort zu meinem Cousin, einem Anthropologen, und seiner Frau, einer Ärztin, stoßen, die an einem Forschungsprojekt über die Buschmänner arbeiten bzw. für sie eine kleine medizinische Station aufbauen wollten. Wir planten, bei der Aufbauarbeit mitzuhelfen und dann mit einem Dolmetsch herumzufahren, um Märchen und Mythen der Buschmänner zu sammeln und ihre musikalischen Wurzeln zu erkunden. Auf dem Weg nach Afrika, noch in Europa, hatten wir jedoch einen Autounfall und somit blieb alles ein Traum oder eine Möglichkeit (für ein anderes Leben) oder eben eine Sehnsucht, ohne die bekanntlich gar nichts geht.

Doch nun zu Ihrer Frage, wie ich zur Kinderliteratur kam.

Ich bin nach der Matura nach Kanada gegangen und habe dort ein paar Jahre lang in einem Bücherbus gearbeitet, der täglich in die Vororte zu den Schulen fuhr. Dort betreute ich anfangs die Vorschulkinder und Erstklassler, las mich mit ihnen durch die Welt der Bilderbücher, war fasziniert von der Begeisterungsfähigkeit der Kinder und ihrer Freude am Lesen und Entdecken und Schauen und Staunen.

Später dann, wieder zurück in Österreich, nach meinem Studium, arbeitete ich eine Weile als Dolmetsch und im Kulturmanagement im Amerikahaus in Wien. Aber die Arbeit hatte nur mit Erwachsenen zu tun und mir fehlten die Kinder. Später, als mein Sohn schon geboren war, und ich mich beruflich neu orientieren musste, begann ich zu übersetzen, erst freiberuflich für Institute, den ORF und irgendwann auch für einen Verlag. Aber die Texte waren mir zu trocken und zu wenig fantasievoll – und da hieß es dann irgendwann: "So schreiben Sie doch selber Ihre Texte." Und weil ich im Windschatten dieser Jahre auch schon – eher für mich und aus therapeutischen Gründen – zu schreiben begonnen hatte, schickte ich einmal einige Texte ein und landete nach vielem Hin und Her beim Verlag Jugend & Volk, der dann auch mein erstes Kinderbuch herausbrachte: "Nein, mir kommt kein Hund ins Haus!". Und auf einmal war ich in einem neuen Beruf gelandet, den ich nie geplant hatte, der aber wieder mit Unterwegssein (im Kopf) und tatsächlichen Reisen (zu Lesungen und Schreibwerkstätten) und mit Kindern zu tun hatte. Und da schloss sich irgendwie der Kreis.

Frage: Sie schreiben seit dem Jahr 1980, 1984 ist Ihr erstes Buch erschienen, seitdem sind mehr als 40 Bücher entstanden. Wie hat sich Ihr Schreiben in diesen Jahren verändert?

Anger-Schmidt: Anfangs schrieb ich so vor mich hin, Gedichte und Erzählungen, sprachlich recht verknappt – im Gegensatz zu meinem Hang zu epischer Breite im Gespräch. Anfangs habe ich nicht ans Veröffentlichen gedacht. Ich habe die Texte auch öfters einfach hergeschenkt. Eine jener Personen, die ein paar meiner Gedichtgeschichten lasen, war Edith Adam, die auch gerade dabei war, sich beruflich neu zu orientieren. Sie illustrierte die Texte und schickte sie in der Folge an den Verlag Beltz & Gelberg, der uns damals mit seinen Jahrbüchern die Augen dafür geöffnet hatte, was alles in der Kinderliteratur möglich ist. Als ich dann von der Kinderbuchmesse in Bologna zurückkam, fand ich im Briefkasten zwei Telegramme von Hans-Joachim Gelberg, der mein Gedicht von den drei gefährlichen Piraten in sein Jahrbuch "Die Erde ist mein Haus" aufnehmen wollte, allerdings ohne Edith Adams Illustrationen. Es entspann sich dann zwischen ihm und mir ein intensiver Schriftverkehr. (Er schrieb all seine Briefe noch mit der Hand!) Er nahm sich die Mühe und ging auf jedes Gedicht, auf jede Zeile ein, veröffentlichte manches in der Kinderzeitschrift "Der Bunte Hund" und machte mir klar, dass meine Texte nicht einfach eins zu eins illustriert werden sollten. Gelberg gab mir den folgenschweren Satz mit auf den Weg: "Renate Habinger könnte das!"

Ich kannte Renate Habinger damals noch nicht persönlich, kannte aber Cover und Illustrationen ihres Buches mit Peter Härtling, "Der alte John". Und so kam es – über sieben Ecken – zur Begegnung mit ihr. Sie baute damals schon Papierobjekte, arbeitete mit Filz und hatte bereits einige Bücher illustriert. Wir trafen uns zu "Arbeitsessen" und bemurmelten eine mögliche Zusammenarbeit, anfangs im Wirtshaus, später auch bei ihr zu Hause, vor allem als ich draufkam, dass sie nicht nur gern, sondern auch haubenverdächtig gut kocht. Und da ich gern esse (mit und ohne Haube), passte es recht gut. Sie wählte als Auftakt den "Raupelikan" und "Der gemischte Wettlauf" aus dem Sammelsurium meiner Texte und machte daraus eigenwillige Buchprojekte, die sie im Eigenverlag, der Edition Höllenhund, herausbrachte.

Die kurze Form, das Gedicht, die Kurzerzählung, so konnte ich mir einen Einstieg vorstellen. Doch dann lernte ich den Cheflektor von Jugend & Volk kennen, Dr. Helmut Leiter. Er las meine Texte und das Fazit seiner Lektüre: "Diese Sachen können später einmal kommen, aber beginnen müssen wir mit etwas Realistischem." Etwas Realistisches? Ich fiel aus allen Wolken. Das war nicht meines. Ich hatte auch gar nichts in der Hinterhand. Aber er bestand darauf und luchste mir im Gespräch eine Geschichte ab, die mir schon manchmal durch den Kopf gegangen war. Und so entstand "Nein, mir kommt kein Hund ins Haus!". Dr. Leiter ging dann leider in Pension, und so schwamm ich eine Weile im Verlag herum. Gedichte waren damals dort kein Thema, Illustratorinnen wie Renate Habinger auch nicht. Aber da das Buch "Nein, mir kommt kein Hund ins Haus!" für die ORF-Reihe "Fortsetzung folgt nicht!" verfilmt wurde und sich gut verkaufte, waren neue Manuskripte aus meiner Feder gefragt.

Mein Sohn war damals in der Volksschule und so orientierten sich die Geschichten, die da kommen sollten, an verschiedenen äußeren Geschehnissen seiner Schulzeit. Renate Habinger illustrierte in der Zwischenzeit meine Schmerz- und Trostgedichte ("Heile, heile, wundes Knie") und ein Jahr darauf die Einschlaf- und Aufwachgedichte ("Wer kommt mit auf den Federnball?"), die beide im Verlag St. Gabriel herauskamen. Da wir auch ein großes Bilderbuch mitsammen machen wollten, fanden wir zum Kerle Verlag, der dann "Glück gehabt, denkt das Hängebauchschwein" in sein Programm aufnahm.

In dieser Zeit bekam ich auch die Möglichkeit, mit Winfried Opgenoorth die Geschichte "Kleiner Mann, dicke Frau" in drei Bänden beim Breitschopf Verlag herauszubringen. Und ein paar Jahre später das Wimmelbilderbuch "Du lieber Schreck! Mein Hund ist weg!" beim Ellermann Verlag, München. Da hat er sich ausgetobt, der Meister Opgenoorth.

In den Folgejahren erschienen weitere Kinderromane bei Jugend & Volk, ich begann mit meiner Lesetätigkeit im In- und Ausland, und im Laufe der Zeit kamen Schreibwerkstätten dazu. In den letzten Jahren auch Lyrik-Workshops.

Über Renate Habinger lernte ich eines Tages Erich Ballinger kennen, der mich einlud, mit ihm das Buch "Noch schlimmer geht's nimmer" bei Ueberreuter zu machen. Er illustrierte und schrieb die Texte für ältere Kinder, und ich für jüngere. Unser Ziel war es, eingefleischte Lesemuffel zum Lesen zu verführen. Es wurde ein schräger Ratgeber für alle Lebenslagen, für den wir 1995 die Steirische Leseeule erhielten.

Irgendwann ging es mit Jugend & Volk bergab, der Verlag wurde an den Schreiber Verlag in Esslingen verkauft. Dr. Hubert Hladej übernahm dann einige meiner Buchtitel für seinen Verlag – und so landete ich beim Dachs Verlag. Mit der Illustratorin Birgit Antoni kam dann ein schmaler Band mit Gedichten, Sprachspielen, Rätseln und Flunkergeschichten heraus: "Sei nicht sauer, meine Süße!". Das Buch wurde ausgezeichnet und kam gut an, sodass ihm zwei weitere gleichen Formats folgten: "Alles in Butter, liebe Mutter!" und "Der Hund ist rund – na und?". Leider wurde auch der Dachs Verlag verkauft und vom Patmos Verlag in Düsseldorf übernommen.

In dieser Zeit baute mir Renate Habinger eine Brücke zum Niederösterreichischen Pressehaus, und nun standen die Sterne günstig, sodass wir unser lang gehegtes Projekt, ein großes Sprach-Spiel-Buch, verwirklichen konnten, dem drei Jahre später ein zweites folgen sollte. Im Vorjahr kam der Gedichtzyklus "Wenn ich einmal groß bin, sagt das Kind …" in der Bibliothek der Provinz heraus, mit Illustrationen und der grafischen Gestaltung von Angelika Kaufmann.

Frage: Unlängst stand ich in einer Buchhandlung und ein älterer Herr sagte: "Ich möchte bitte neun nackte Nilpferddamen." Und als Antwort erhielt er: "Die sind zurzeit nicht lieferbar."

Anger-Schmidt: Die "Neun nackten Nilpferddamen" sind sehr wohl lieferbar. Sie sind bereits in der fünften Auflage und mittlerweile auch als Taschenbuch erhältlich. Die "Nilpferddamen" waren ein großer Glücksfall für uns. Renate Habinger und ich waren über die Jahre zu einem Team geworden, das sich nicht so schnell von seinem Weg, auch in unwegsamem Gelände, abbringen ließ. Aber für unser Projekt, ein großes Sprach-Spiel-Buch in Wort und Bild umzusetzen, fehlte eben noch der richtige Verlag. Den fanden wir dann im Niederösterreichischen Pressehaus. Und so kam es, dass die "Neun nackten Nilpferddamen" 2003 geboren wurden. Geburtshelferin und Dompteuse der neun Dickerchen war Natalie Tornai, die damalige Programm-Verantwortliche. Als das Buch erst in den großen Feuilletons der "Zeit", der "Süddeutschen Zeitung" usw. besprochen und ein halbes Jahr später zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2004 nominiert wurde, entpuppten sich die Nilpferddamen – entgegen zoologischer Erkenntnisse – als Zugpferde, die sich bis in die fünfte Auflage hinaufhantelten. Im Jahr 2006 kam der Nachfolgeband "Muss man Miezen siezen?" im Residenz Verlag heraus. Die "Miezen" erhielten den Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien, wurden in die Kollektion zum Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2007 aufgenommen, zu einem der Schönsten Bücher Österreichs gewählt und in die IBBY-Auswahlliste aufgenommen.

Die Zusammenarbeit mit Renate Habinger ist für mich ein Geschenk, ein Glücksfall und – auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – spannender als eine Weltumsegelung. Nie weiß man bei ihr, was sie aus einem Text macht, immer geht sie neue Wege, ist auf wunderbare Weise unberechenbar, kreativ bis in die Haarspitzen. Und ihre Bilder bestärken mich immer wieder, den Vorsitz im Verein zur Vermehrung der Lachfalten vorerst noch nicht abzugeben. Außerdem beflügelt mich die Vorstellung einer kurzfristigen Arbeitspause ihrerseits – nachdem sie ein Projekt beendet hat und verschnaufen will –, ihr immer wieder neue Wortspielereien unterzujubeln, mit der inständigen Bitte, diese ins richtige Bild zu setzen. Eine zugegebenermaßen egoistische Geste, aber ich kann nicht anders. Wäre ich ein Hund, ich würde in Erwartung ihres Bilderzaubers zu sabbern beginnen aus lauter Lust und Vorfreude auf das sinnliche Vergnügen des Schauens, als wär’s ein wohlgeformter, Kaufreude verheißender Knochen.

Frage: Mit Ihren "Neun nackte Nilpferddamen" und "Muss man Miezen siezen?" haben Sie gemeinsam mit Renate Habinger das klassische ABC-Buch neu erfunden. Sie zeigen Ihren Leserinnen und Lesern, was man mit der Sprache, mit Buchstaben, Silben, Wörtern und Sätzen alles machen kann und spielen gekonnt mit literarischen Formen. Da frage ich mich: Was liest Gerda Anger-Schmidt? "Mother Goose", Edward Lear und Lewis Carroll? George Perec, Raymond Queneau und Oskar Pastior? Oder H.C. Artmann und Ernst Jandl?

Anger-Schmidt: Ja, was liest sie? Alle von Ihnen genannten! Vor allem Ernst Jandl, ohne Ende. Sehr gerne lese ich auch den italienischen Sprachspieler Gianni Rodari. Und immer wieder A.A. Milnes "Winnie-the-Pooh". Dieser Bär mit sehr geringem Verstand und seine Freunde gehören zu meinen Lieblingsfiguren in der Kinderliteratur.

Um nicht in den ewigen Fehler meiner Schulzeit zurückzufallen ("Thema verfehlt!"), schreibe ich jetzt lieber nichts mehr über all die anderen, deren Bücher ich gerne lese.

Frage: Zum Abschluss noch die berühmt-berüchtigte "Nachtkästchenfrage": Was liegt denn dort an lesenswerten Büchern, die Sie uns empfehlen können?

Anger-Schmidt: "Vierzig Rosen" von Thomas Hürlimann (und auch "Der große Kater" und "Fräulein Stark"), "Die K-Gedichte" von Robert Gernhardt, "Die blassen Herren mit den Mokkatassen" von Herta Müller (und auch "Der König verneigt sich und tötet"). Und immer wieder: Ilse Aichinger, "Die größere Hoffnung" (und natürlich ihre Gedichte). Drei meiner Lieblingsbücher aus der Kinderliteratur: Irene Dische, "Zwischen zwei Scheiben Glück", Jutta Richter, "Der Hund mit dem gelben Herzen" und Louis Sachar, "Löcher". – Genug? Genug!

Herzlichen Dank für unser Gespräch.


Gerda Anger-Schmidt erhält den ÖSTERREICHISCHEN STAATSPREIS FÜR KINDERLYRIK 2007.
Diese Auszeichnung wird für das deutschsprachige kinderlyrische Gesamtwerk einer Autorin/eines Autors verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 7 300 Euro. Bisherige Preisträger waren Hans Manz, Frantz Wittkamp, Josef Guggenmos, Friedl Hofbauer, Gerald Jatzek, Georg Bydlinski, Dieter Mucke und Heinz Janisch.

"Ein Buch zu gestalten, ist sehr nah an der Arbeit eines Regisseurs."
Isabel Pin im Gespräch

Portrait Isabel Pin

Frage: Sie haben an der Ecole des Arts Décoratifs in Straßburg und an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg studiert. Wie sind Sie zur Illustration von Büchern für junge Leser gekommen?

Pin: Ich habe zuerst Kunst an der Ecole des Arts Décoratifs studiert und bin dann sehr schnell zur Illustration gewechselt, weil ich immer mehr Lust hatte, etwas zu erzählen. Dass ich für Kinderbücher male und schreibe, hat vielleicht damit zu tun, dass es eine Welt ist, in der alles möglich ist und in der ich mich jetzt sehr wohl fühle. Ich kann mir aber auch vorstellen, realistischer zu erzählen oder etwas für Jugendliche und Erwachsene zu machen. Muss ich ausprobieren...

Frage: "Eine Wolke in meinem Bett" ist die erste Zusammenarbeit mit Heinz Janisch. Wie arbeiten bei einem solchen Buch Illustrator und Textautor zusammen?

Pin: Heinz hat mir von der Idee zu diesem Buch erzählt, als er in Berlin war. Sie hat mir sehr gut gefallen, weil sie sehr poetisch war und weil ich mir bei dem Projekt sehr viel selber ausdenken konnte und auch sollte. Er hat mehr geschrieben, als letztendlich im Buch Verwendung fand. Und ich hatte die Freiheit, die Geschichten, die ich illustrieren wollte, selbst auszusuchen und zusammenzustellen. Bei der Arbeit an der Illustration war ich vollkommen autonom. Heinz hat die Bilder erst gesehen, als alles fertig war. Ich hatte mit ihm vorweg vereinbart, dass ich seine Texte in meinen Bildern nicht eins zu eins darstellen würde. Er hatte aber kein Problem damit. Heinz ist sehr offen, und ich glaube, er lässt sich auch sehr gerne überraschen.

Frage: Ihr Buch lässt viel Raum für die Fantasie des Lesers. Anders gesagt: Die Erzählung entsteht eigentlich erst im Kopf des Lesers. Was fasziniert Sie denn am Genre "Bilderbuch"?

Pin: Ich würde nicht das Wort "faszinieren" benützen. Wenn ich eine Geschichte aussuche oder selber schreibe, mache ich mir die Geschichte zu Eigen. Ich überlege mir für das Buch ein Konzept, eine Farbpalette, eine Stimmung, den Stil, die Figuren, manchmal auch die Geschichten, die nicht im Text sind, aber im Bild vorkommen sollen. Ein Buch zu gestalten, ist – glaube ich – sehr nah an der Arbeit eines Regisseurs. Und das liebe ich daran: aus einer Idee ein fertiges Objekt zu machen, etwas, das andere gerne in die Hand nehmen.

Frage: Ihre Bildsprache ist sehr knapp, klar und einfach, immer aufs Wesentliche konzentriert und hat häufig einen surrealen Touch.

Pin: Ich habe in den letzten Jahren meinen Zeichenstil, Komposition, Figuren, Details sehr vereinfacht und stark reduziert. In meinen Illustrationen versuche ich, mich ganz auf die Erzählung im Bild und im Text zu konzentrieren. Mir ist das Erzählen wichtiger als das Malen und Zeichnen. Ich bewundere besonders jene Künstler, die mit einfachen Mitteln viel erzählen können.

Frage: Gibt es Künstler, die Ihren Malstil beeinflusst haben?

Pin: Es gibt viele Künstler, die mich in meiner Arbeit beeinflussen. Aber es sind nicht unbedingt nur Maler, es sind auch Fotografen, Filmregisseure, Autoren von Romanen und Hörspielen, manchmal inspiriert mich auch Musik. Häufig sind es jedoch Arbeiten, die eine besondere Nähe zu meinen eigenen Projekten aufweisen und meine Fantasie anregen, Werke, die Bilder in meinem Kopf entstehen lassen.

Frage: Gibt es Bücher und Leseerlebnisse in Ihrer Kindheit und Jugend, die für Sie besonders wichtig waren?

Pin: O ja! Ich erinnere mich gut an ein paar Bilderbücher, die mich sehr geprägt haben und die ich sehr geliebt habe. Ich bin mit den Büchern von Etienne Delessert aufgewachsen, und das surreale Buch "Dann fiel der Maus ein Stein auf den Kopf. So fing sie an die Welt zu entdecken" war mein Lieblingsbuch. Mein zweitliebstes Buch war ein deutsches Buch, das mir meine Mutter, die Deutsche ist, vorgelesen hat. Ich habe fast nichts verstanden von dem, was sie gelesen hat, aber es war fantastisch für mich, mir meine eigene Geschichte zu den Bildern ausdenken zu können. Das Lustige ist, dass ich 30 Jahre später hier in Berlin das Buch auf dem Flohmarkt gefunden habe und dann endlich einmal die Geschichte richtig verstanden habe!

Später habe ich viel gelesen, manchmal ohne aufhören zu können. Ich habe Romane und auch kleine Krimis gelesen. Mit sieben Jahren habe ich "Patricia und der Löwe" von Joseph Kessel geliebt. Ich habe aber auch die Comics aus dem Zimmer meines großen Bruders geklaut, und die Zusammenfassung von Filmen im Fernsehprogramm fand ich auch besonders toll. Für mich hat auch die Bibliothek in der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, ein große Rolle gespielt. Dort gab es sehr gute Bücher und jeden Mittwoch war "Märchenstunde". Zu der konnte man kostenlos hingehen und bekam noch dazu etwas vorgeführt und vorgelesen. Die Frauen, die da mitwirkten, waren wirklich toll.

Meine beiden Kinder, die zwei bzw. acht Jahre alt sind, lasse ich eigentlich alles lesen – mit Lesen meine ich auch Bilder lesen. Sie lesen, was sie wollen, egal, um welches Thema und um welche Geschichten es sich handelt, egal, in welchem Stil das Buch geschrieben oder gezeichnet ist, egal, ob mit Text oder ohne. Die einzige Einschränkung bei der Lektüre zu Hause liegt in der Altersempfehlung, d.h. das Buch sollte für die Altersgruppe meiner Kinder einigermaßen passen. Mein Sohn verschlingt geradezu Enzyklopädien und französische Comics, und seine kleine Schwester ist ein großer Fan von Bilderbüchern, die Angst machen, aber gut enden. Ich höre jetzt aber lieber auf, obwohl es über dieses Thema noch sehr viel mehr zu erzählen gäbe.

Frage: Auf welche Bücher von Ihnen können wir uns denn schon jetzt freuen? Woran arbeiten Sie zurzeit?

Pin: Im Herbst erscheint im Bajazzo Verlag ein Pappbilderbuch für die ganz Kleinen: "Die Geschichte vom Loch", ein Buchobjekt zum Lesen und Raten. Und in Frankreich (und ich hoffe, später auch in Deutschland) kommt ein Buch gemeinsam mit Hubert Ben Kemoun, "Le Grand Concert", eine sehr schöne poetische Geschichte über Musik und Krankheit. Was danach kommt, ist noch in meiner Schublade und bleibt ein Geheimnis.

Herzlichen Dank für unser Gespräch.


Isabel Pin wird für das Buch "Eine Wolke in meinem Bett" mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2008 in der Kategorie Bilderbuch ausgezeichnet.

Ursula Poznanski über "Die allerbeste Prinzessin"

Frage: Wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch über 3 verzogene Prinzessinnen und deren verzweifelten Vater zu schreiben?

Eigentlich ist es die Umkehrung eines alten Motivs, dem der drei Prinzen (oder wahlweise Müllersöhne), die ausziehen um herauszufinden, wer von ihnen der Beste ist und wem daher die Prinzessin und das halbe Königreich zusteht. Hier ist es umgekehrt: Nur ein einziger Prinz weit und breit, dafür 3 zielstrebige Prinzessinnen, die um ihn wetteifern und dabei nicht zimperlich sind. Der verzweifelte Vater ergibt sich da ganz von selbst.

Frage: Wie unterscheidet sich Ihr Märchen von den herkömmlichen?

Das Happy End fällt ein wenig anders aus. Niemand verwandelt einen Kürbis in eine Kutsche oder einen Frosch in einen Prinzen. Eher im Gegenteil. Außerdem ist es das erste Märchen, in dem wir erfahren, dass Drachen eine Schwäche für Himbeerpudding haben.

Frage: Worin liegt für Sie die Herausforderung, für Kinder und Jugend zu schreiben? Schreiben Sie zum Ausgleich? Vor allem im Unterschied zu Ihrer Arbeit als Journalistin für medizinische Zeitschriften?

Ich finde, dass das Schreiben von Kinder- und Jugendbüchern den Autor vor die gleichen Aufgaben stellt wie das Schreiben für Erwachsene. Egal wie alt Leser sind, es gibt keine Ausreden für abgedroschene, vorhersehbare Plastikgeschichten, die im Kopf ein ähnlich flaues Gefühl hinterlassen wie Fastfood im Magen. Für mich ist die besondere Herausforderung beim Schreiben für Kinder das Finden der richtigen Balance: Eine Sprache, die anspruchsvoll ist, aber trotzdem verständlich, und auf keinen Fall hoch gestochen. Eine Story, die überrascht, aber nicht verwirrt, und die vor allem Spaß macht.

Was den Ausgleich betrifft: Ich würde es eher als schreiberisches Doppelleben bezeichnen. Journalistisches Schreiben und kreatives Schreiben sind wie Sprechen und Singen: Man beansprucht das gleiche Werkzeug, benutzt es aber auf ganz unterschiedliche Art und Weise.

Frage: Inwieweit spielen Sie stilistisch mit der Sprache, um die Kinder in die Welt Ihrer Geschichte zu ziehen? Und gilt das für Mädchen und Buben gleichermaßen? Vor allem in Bezug auf das Thema Identifizierung innerhalb einer Geschichte?

Ja, natürlich möchte ich Mädchen und Buben gleichermaßen in die Geschichte hineinziehen. Ich glaube nicht, dass man dazu unterschiedliche sprachliche Stilmittel braucht. Ob Mädchen leichter einen Zugang zu der Geschichte finden, weil drei Mädchen im Mittelpunkt stehen? Möglich, aber sicher bin ich mir da nicht. Ich glaube, dass das Interesse an Märchen geschlechtsneutral ist.

Frage: Was möchten Sie mit den Prinzessinnen und ihrer Geschichte den Kindern mitteilen? Spontan zu sein und sich mit seinen Ideen durchzusetzen?

Ganz ehrlich, ich möchte nichts mitteilen. Mir sind Bücher, an deren Ende plötzlich ein Zeigefinger hoch ploppt, ziemlich unangenehm. Ich glaube nicht, dass die Prinzessinnen eine Botschaft haben müssen, auch wenn der Gedanke "Miteinander funktioniert besser als gegeneinander" zu guter Letzt recht deutlich im Raum steht. Reizvoller finde ich ja das Spielen mit Klischees. Prinzessinnen sind schön und sanft. Prinzen sind edel und mutig. Ergo freuen Prinzessinnen sich kringelig, wenn sie von Prinzen geheiratet werden. Oder nicht? Und wenn nicht, was passiert dann?

Frage: Wie wichtig ist die Illustration für Ihre Geschichte oder auch im Allgemeinen für Kinderbücher?

Sehr wichtig, und ich bin unheimlich froh, bisher solches Glück mit meinen Illustratorinnen und Illustratoren gehabt zu haben. Sybille Hein hat enorm viel eigenen Witz in das Buch mit eingebracht und wir sind beide sehr glücklich mit dem Ergebnis.

Frage: Ist das Pflücken von Blumen ein Zeichen für das "Sich sammeln" nach der Zerstreuung?

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann beziehen Sie sich auf die Stelle, an der der König beginnt, Gänseblümchen auszurupfen, als sich abzeichnet, dass seine Verheiratungspläne den Bach runter gehen? Nein, ich glaube nicht, dass er sich sammeln will. Er ist einfach nur hilflos, der arme Kerl.

Frage: Welche Resonanz erhoffen Sie sich von den Medien durch den Kinder- und Jugendbuchpreis?

Ganz grundsätzlich würde ich mir von den Medien wünschen, dass sie beginnen, Kinder- und Jugendbücher überhaupt wahrzunehmen. Im deutschsprachigen Raum tut sich diesbezüglich medial sehr wenig, wenn man zum Vergleich etwa England oder Frankreich heranzieht. Welche Resonanz ich persönlich mir erhoffe? Möglichst gute natürlich. Und möglichst viel davon.

Monika Pelz über "Die Verschwörung der Dichter2

Frage: Wie kamen Sie auf die Idee, ein historisches Buch für Jugendliche zu schreiben?

Die Arbeit an einer Biografie über Jean-Jacques Rousseau ("Der hellwache Träumer", erschienen im Beltz & Gelberg Verlag im Jahr 2005) machte mir Lust, über Denis Diderot zu schreiben. Seine historisch verbürgte Erfindung der Nonne Susanne Simonin gab mir die Idee zu diesem Roman.

Frage: Meinen Sie, dass Ihr Buch auch von Jungen gelesen werden wird?

Ich weiß es nicht. Aber es gibt immer Überraschungen.

Frage: Worin liegt für Sie die Herausforderung, für Kinder und Jugend zu schreiben?

Lesbarkeit bei literarischer Qualität. Eine harte, aber gute Schule. Für Erwachsene würde ich experimenteller, verspielter schreiben.

Frage: Inwieweit spielen Sie stilistisch mit der Sprache, um die Jugendlichen in die Welt Ihrer Geschichte zu ziehen?

Die Jugendbuchverlage wünschen generell keine stilistischen Spielereien, und sie wissen warum. Die Voraussetzungen und die Bereitschaft der Zielgruppe, sich darauf einzulassen, schwinden. Meine Bücher bewegen sich an der Grenze und sind dementsprechend ein absolutes Minderheitenprogramm. Ein so verspielter Roman wie "Die Diebe der Zeit" (1984), ein jugendliterarisches Experiment wie "True Stories" (1998) werden in Zukunft nicht mehr zu verlegen sein.

Frage: Was möchten Sie den Jugendlichen mit dieser historischen Geschichte von Liebe und Intrige mitteilen?

Unsere Zeit ähnelt in mancher Hinsicht den bleiernen Jahrzehnten vor der Französischen Revolution: Wie es weitergehen sollte, könnte und wird, weiß keiner so recht. Und was dann wirklich kam, hätte sich 1760 niemand vorstellen können. Eine "gläserne Decke" schien jeden politischen Durchbruch zu verhindern. Was heute Kapitalismus ist, war damals das Ancien Régime. Die Spaßkultur wurde erfunden.

Frage: Ist durch solch einen Roman ein geschichtlicher Zugang oder ein Zugang zu geschichtlichen Fakten besser möglich als durch Geschichtsunterricht in der Schule?

Weiß ich nicht. Ich habe als Jugendliche gern historische Romane gelesen, mochte aber auch den Geschichtsunterricht und studierte schließlich Geschichte und Philosophie aus reinem Interesse.

Frage: Wie wichtig wäre die Illustration für Ihre Geschichte oder auch im Allgemeinen für Jugendbücher? Brauchen manche Jugendliche ein wenig mehr an Bildern für den Spaß am Lesen oder sollte das Wort an sich fesselnd genug sein?

Bei Jugendbüchern braucht es an sich keine Illustrationen. Biografien haben allerdings einen Bildteil, was ich für gut halte.

Frage: Welche Resonanz erhoffen Sie sich von den Medien durch den Kinder- und Jugendbuchpreis?

Da ich schon etliche Preise erhalten habe, weiß ich, wie wenig Resonanz das findet. Ich nehme es mehr als fachliche Anerkennung, und wenn Geld damit verbunden ist, freut mich das auch sehr.

Reinhold Ziegler über "Perfekt geklont"

Frage: Wie kamen Sie auf die Idee, einen futuristischen Roman für Jugendliche zu schreiben?

Es gibt genügend Gründe, sich über die Zukunft zu sorgen. Schon im Roman "Version 5Punkt12" hatte ich ja ein Zukunftsthema angesprochen, damals die Macht der Computer. Ein zweites Thema, das mir auf dem Herzen lag, war eben das Klonen. Jugendliche von heute sind die Verantwortungsträger von morgen. Und die heutige Bildung überbetont leider die wissenschaftliche Bildung und tut wenig für die moralische.

Frage: Trotz der pessimistischen Zukunft gibt es dennoch Hoffnung in Ihrer Geschichte. Wäre eine andere Haltung für ein Jugendbuch überhaupt möglich?

Ich schreibe nicht für Kinder, ich schreibe für Jugendliche. Das ist ein Unterschied. Jugendliche erkennen, dass eine Negativutopie keine Zukunftsvorhersage, sondern eine Warnung ist. In diesem Sinne hätte ich auch keine Probleme mit einem hoffnungslosen Ende.

Frage: Worin liegt für Sie die Herausforderung, für Kinder und Jugendliche zu schreiben?

Es ist keine Herausforderung, es ist einfach das, was ich schon seit geraumer Zeit tue, weil ich glaube, dass ich es kann. Das Schreiben für Jugendliche ist viel weniger analytisch und viel emotionaler als das Schreiben für Erwachsene. Und das liegt mir einfach.

Frage: Inwieweit spielen Sie stilistisch mit der Sprache, um die Jugendlichen in die Welt Ihrer Geschichte zu ziehen?

Wie gesagt, ich schreibe weniger mit dem Kopf als mit dem Bauch. Insofern mache ich mir zumindest während des Schreibens darüber wenig Gedanken. Und wenn ich stilistisch spiele, dann sind das Spiele für jede Altersgruppe.

Frage: Was möchten Sie den Jugendlichen mit der Geschichte von Aurun und Mexan mitteilen?

Auf die Frage "Was will uns der Autor damit sagen?" antworte ich seit meinem letzten Deutschunterricht nicht mehr, weil ich sie schon immer im Grundsatz für verkehrt gestellt halte. Ein Buch vermittelt entweder seine Botschaft, dann braucht man nicht danach zu fragen. Oder es ist so schlecht, dass keine Botschaft beim Leser ankommt. Dann lohnt es nicht, danach zu fragen.

Frage: Was bedeutet für Sie Zukunft – nicht so sehr in ihrer Ausgestaltung als vielmehr in Ihrer Auffassung von Leben und Menschsein?

Nach Jahrzehnten der Hoffnung sind leider wieder Dummheit und Gier zu den Triebfedern der gesellschaftlichen Entwicklung geworden. Ich sehe die Menschheit zurzeit in einer Rückwärtsbewegung, was die moralischen, künstlerischen und gesellschaftlichen Werte betrifft. Der Einzelne entzieht sich dem durch Flucht ins Private, was die Entwicklung aber nicht zu stoppen vermag.

Frage: Welche Resonanz erhoffen Sie sich vor allem in Deutschland von den Medien durch den Kinder- und Jugendbuchpreis hier in Österreich?

Leider ist der Preis in Deutschland relativ unbekannt, von daher wohl auch ohne große Wirkung. Ähnliches gilt aber auch für den Deutschen Jugendliteraturpreis, der zwar bekannt ist, aber auch keine große Wirkung entfaltet. Offensichtlich glaubt man dem Urteil der Jurys weniger als zum Beispiel Besprechungen oder Werbemaßnahmen. Die Ursachen hierfür sind zu diskutieren.

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