„Ich finde es überaus reizvoll, Kinder und Jugendliche spielerisch an schwierige Themen heranzuführen.“ Michael Stavarič im Gespräch
Frage: Sie haben zwei erfolgreiche Romane im Residenz Verlag vorgelegt und werden von der Kritik gerne als Shooting Star der österreichischen Gegenwartsliteratur bezeichnet. Klaus Nüchtern hat Sie sogar zum „Glamrocker unter den österreichischen Jungliteraten“ gemacht: „schnell, originell und modebewusst“. Sind Sie das?
Stavarič: Ich glaube der Terminus „Glamrocker“ ist ursprünglich auf Gary Glitter zurückzuführen. Mich als Literaten damit zu belegen, ist im positiven Sinne amüsant. Es hat wohl nichts mit meiner Literatur zu tun, die von einer intensiven, formalen Auseinandersetzung zeugt; von poetischen Prinzipien und einem mir eigenen Narrativ (der von Projekt zu Projekt changiert). Ich glaube für „Glamrock“ bin ich als Literat viel zu ernst, wenn auch, zugegeben, die Ironie bei mir eine tragende Rolle spielt. Für Mode habe ich zweifellos eine Schwäche, wobei sich hier auch nichts anderes als eine Sensibilisierung für formale Umsetzung widerspiegelt. Wie auch die Sprache ist die Kleidung ein elementarer Bestandteil unserer Identität, die wir ständig am Körper tragen. Mich reizt das seit jeher, weil es intensiv ist. Schnell war ich allerdings bestenfalls im Tennis (früher). Und originell zweifellos nie.
Frage: Mit „Gaggalagu“ haben Sie das Genre gewechselt. Worin liegt für Sie der Reiz, Literatur für junge Leser zu schreiben?
Stavarič: In der Tat habe ich mit „Gaggalagu“ etwas Neues versucht, Literarisches für Kinder gewissermaßen. Es war dies nicht nur eine große Herausforderung, es hat auch viel Spaß gemacht. Grundsätzlich interessieren mich die unterschiedlichsten Buchideen – nicht nur die klassische Belletristik. Es geht bei mir auch um Sachbuch, Dramaturgie, Lyrik, Übersetzungen und Kinderliteratur. Und es wird, das kann ich jetzt schon sagen, gewiss eine Fortsetzung im Bereich „Kinderbuch“ geben. Ich finde es überaus reizvoll, Kinder und Jugendliche spielerisch an schwierige Themen heranzuführen. Bei „Gaggalagu“ sind dies etwa „Identität“ und „Integration“.
Frage: In „Gaggalagu“ zeigen Sie anhand kleiner Geschichten mit verschiedenen Tieren, wie vielsprachig die Welt ist. Was verbinden Sie mit dem Thema „Multikulturelle Gesellschaft“?
Stavarič: Wenn man so will, verdeutliche ich in „Gaggalagu“ zunächst nur, dass der Mensch überall auf der Welt anders ist. Denn: Ein Frosch in Asien klingt gewiss nicht viel anders als einer in Afrika oder Europa; der Faktor „Mensch“ macht den Unterschied (durch seine Wahrnehmung, Sprache und Identität). Es sind also weniger die Sprachen der Tiere, vielmehr aber jene der Menschen, die hier im Vordergrund stehen. Ich glaube, für Kinder ist über diesen „Umweg Tier“ leichter nachvollziehbar, was Differenz bedeutet. Und dass Differenzen überbrückt werden können. Das ist gleichsam die Grundbedingung einer multikulturellen Gesellschaft.
Frage: Woher wissen Sie eigentlich, wie ein Frosch in Estland quakt? Feldforschung? Kennen Sie dort einen Zoologen? Haben Sie dafür Wörterbücher verwendet? Oder einfach „gegaggalagoogelt“?
Stavarič: Das war in der Tat kein Leichtes. Durch meine Kenntnisse der slawischen Sprachen hatte ich zwar einen kleinen Startvorteil, doch kam ich sehr schnell an meine Grenzen. Und auch mein Freundes- und Bekanntenkreis konnte mir bald keine Auskünfte mehr geben. So habe ich einiges bei Botschaften angefragt, in diversen Newsgroups, natürlich auch gegoogelt (was aber bei Tierlauten nur wenige Ergebnisse bringt). Es war insgesamt ein durchaus schwieriger Rechercheprozess. Letztendlich habe ich aber weitaus mehr zusammengetragen, als ich im Buch verwenden konnte – und es gäbe noch weitaus mehr zu entdecken.
Frage: „Gaggalagu“ scheint ja bis ins kleinste Detail durchgeplant zu sein. Wie war denn die Zusammenarbeit mit kookbooks und mit der Illustratorin, mit Renate Habinger?
Stavarič: Ich habe zuvor lange überlegt, mit welchem Illustrator ich dieses Projekt angehen möchte – wo ich doch lange Zeit niemanden aus dieser Branche persönlich kannte. Nachdem man mir Renate Habinger vorstellte, war für mich sehr bald klar: sie oder keine. Nicht zuletzt ist mir bei Buchprojekten an einem gelegen: ich will diese mit Menschen umsetzen, die mich restlos überzeugen. Gleiches gilt für meine Verlegerin Daniela Seel, die uns bei diesem Projekt alle Möglichkeiten offen ließ. Sie kannte klarerweise die Texte, als sie sich für das Buch entschied, aber alles andere war für sie eine große Überraschung. Nicht zuletzt bringt „Gaggalagu“ für kookbooks auch eine gewisse Nachhaltigkeit. Daniela Seel hat es dazu genutzt, eine Kinderbuchreihe zu begründen. Vor wenigen Tagen ist auf der Leipziger Buchmesse ein weiteres (spezielles) Kinderbuch präsentiert worden und ich hoffe, dass noch viele weitere folgen mögen.
Frage: Schriftsteller sind ja in der Regel eifrige Leser. Gab es Bücher und Leseerlebnisse in Ihrer Kindheit und Jugend, die für Sie besonders wichtig waren?
Stavarič: Ich habe sehr lange sowohl tschechische Bücher als auch österreichische gelesen. Diese bilinguale Auseinandersetzung war sehr wichtig für mich, denn dadurch konnte ich mich im österreichischen Kontext zurecht finden, ohne aber meine Wurzeln zu verlieren. Das Lesen war für mich also nicht einfach nur Unterhaltung – es war eine Begegnung von zwei Welten und Sprachen, eine identitätsstiftende Maßnahme. Klassische Kinderbücher sind bei mir vor allem tschechische Märchen, wie etwa jene von Karel Jaromir Erben. Gemocht habe ich zudem Ferda Mravenec: eine fleißige Ameise, mit rotem Halstuch, die jedes tschechische Kind kennt. In Österreich sind die Abenteuer des tschechischen Maulwurfs wohlbekannt, der als Trickfilm mein abendliches Betthupferl bildete. Ansonsten – und auf Deutsch – habe ich schon sehr früh allerlei gelesen: deutsche Sagen und Märchen, Karl May, gut und gern auch Comics oder Geschichten von Jack London.
Herzlichen Dank für unser Gespräch.
Michael Stavarič wurde für das Buch „Gaggalagu“ mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2007 in der Kategorie Kinderbuch ausgezeichnet.