"Es ist eine große Lust für mich, jedem Buch eine Form und einen visuellen Ausdruck zu geben..."
Renate Habinger im Gespräch

Sie sind in St. Pölten geboren und leben in Oberndorf/Niederösterreich. In den Collagen Ihres Buches „Gaggalagu“ verwenden Sie Karten eines gewissen Dr. h.c. Eduard Imhof aus dem Schweizerischen Mittelschulatlas 1962. Wie kommt das?

Habinger: Meine Verbindungen zur Schweiz sind privater Natur, und irgendwie habe ich so einen Mittelschulatlas von 1962 „geerbt“. Ich habe ihn bei jedem Umzug mitgeschleppt und bin jetzt draufgekommen, dass er die Karten enthält, die ich am allerschönsten finde zurzeit: Schweizer Gletscher, mitteleuropäische Flussmündungen, asiatische Volksdichte-Karten. Im Golf von Mexiko schwimmen übrigens eigenartige Meereskreaturen herum, Zeugen gewisser Unterrichtsstunden... Und die Karten, nicht die Zeichnungen, sind eben vom Herrn Imhof, der leider schon verstorben ist.

Das Seitenlayout, die Typografie und die gesamte Buchgestaltung von „Gaggalagu“ sind selbst für das innovative Bilderbuch ungewöhnlich. Wie war die Arbeit mit dem Autor Michael Stavarič und mit kookbooks?

Habinger: Von kookbooks her – in der Person von Daniela Seel – war große Offenheit und Neugier auf Ungewöhnliches vorhanden. Der Grafiker des Verlags, Andreas Töpfer, hat diese Tendenz unterstützt und auch für das Buch eine Schrifttype entwickelt sowie den Erstentwurf für die typografische Gestaltung. Insgesamt war die Zusammenarbeit sehr konstruktiv. Mit Michael Stavarič war es auch so, dass er für alles Außergewöhnliche und abstrus Witzige zu haben war. Andererseits hatte ich alle Freiheiten, die ich mir nehmen wollte. Wir waren uns auch einig, das Buch in die Gesamtgestaltung des Verlags einzubinden, indem wir die beiden Transparentpapierseiten auch im Kinderbuch einfügten, die ja in allen Publikationen des Verlags dabei sind.

Wie geht man als Illustrator einen Text wie den von Michael Stavarič an?

Habinger: Mir hat einerseits die Vielsprachigkeit der Tiere im Text von Michael Stavarič gefallen, weil ich mit meinen Freunden aus allen Teilen der Welt schon viel Spaß mit diesem Thema gehabt habe. Andererseits war ich fasziniert, wie durchkomponiert der Text ist. Wir haben ihn einander vorgelesen, Michael Stavarič und ich. Das war hochinteressant für mich. Ich mag prinzipiell Texte, bei denen die Sprache so wichtig ist. Normalerweise mache ich mir nach dem Lesen des Textes ein visuelles Konzept, also eine – auch technische – Vorstellung davon, was für einen Charakter die Bilder zu genau diesem Text haben sollen. Im Fall von „Gaggalagu“ habe ich das nicht gemacht, sondern einfach herumprobiert. Diese Proben habe ich dann dem Autor und dem Verlag gezeigt und die Richtung ausgewählt, die allen gut gefallen hat. In „Gaggalagu“ gibt es zwar keine durchgehende Geschichte, aber ein durchgehendes Thema mit seinem Ausdruck in verschiedenen Situationen. Also kann man formal auch beständig bleiben. Und formal bin ich bei den Kritzelzeichnungen geblieben, die allen Beteiligten am besten gefallen haben. Die habe ich dann im Computer noch weiterbearbeitet, damit ich was Neues lern’.

Warum soll ein junger Mensch „Gaggalagu“ lesen und anschauen, anstatt den Kinderkanal einzuschalten?

Habinger: Na ja, ich plädiere für „Sowohl – Als auch“: also Kinderkanal und lesen, je nach Tageszeit und Lust.

Was können denn Bilderbücher besser als andere Bildmedien? Medientechnisch gesehen, hat die Buchillustration ja einen ziemlichen Bart. Was macht Ihnen denn Spaß am Bücher-Illustrieren?

Habinger: Mag sein, dass manche Illustrationen einen Bart haben, medientechnisch sehe ich aber keinen. Ich bin halt altmodisch. Bilderbücher fügen sich einerseits dem Rhythmus der Betrachter, ihrem Zeitbedarf. Das ist für mich sehr wichtig, denn damit ermöglichen sie das Abschweifen und die Verbindung des Buches und des Inhalts mit dem eigenen Leben. Das muss man beim Film eher hinterher machen. Und es scheint mir auch so, dass Illustration zurzeit wieder ganz gut dasteht, wenn man z.B. den Zeitschriftenmarkt anschaut. So, und zum angesprochenen Spaß: Den ihren müssen Ihnen die anderen Betrachter schon selbst erzählen. Zu meinem beim Arbeiten: Es stimmt, es ist eine große Lust für mich, jedem Buch eine Form und einen visuellen Ausdruck zu geben, der ihm – meiner subjektiven Meinung nach – entspricht. Da gehört die Buchgestaltung genauso wie die Illustration dazu. Dass Bilder im Kopf entstehen, ist für mich ganz normal, und die Stimmungen, die sie ausdrücken, zeigen eine andere Seite des Inhalts.

Herzlichen Dank für unser Gespräch.

Renate Habinger wurde für das Buch „Gaggalagu“ mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2007 in der Kategorie Kinderbuch ausgezeichnet.