„Ein Buch zu gestalten, ist sehr nah an der Arbeit eines Regisseurs.“
Isabel Pin im Gespräch

Frage: Sie haben an der Ecole des Arts Décoratifs in Straßburg und an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg studiert. Wie sind Sie zur Illustration von Büchern für junge Leser gekommen?
Pin: Ich habe zuerst Kunst an der Ecole des Arts Décoratifs studiert und bin dann sehr schnell zur Illustration gewechselt, weil ich immer mehr Lust hatte, etwas zu erzählen. Dass ich für Kinderbücher male und schreibe, hat vielleicht damit zu tun, dass es eine Welt ist, in der alles möglich ist und in der ich mich jetzt sehr wohl fühle. Ich kann mir aber auch vorstellen, realistischer zu erzählen oder etwas für Jugendliche und Erwachsene zu machen. Muss ich ausprobieren...
Frage: „Eine Wolke in meinem Bett“ ist die erste Zusammenarbeit mit Heinz Janisch. Wie arbeiten bei einem solchen Buch Illustrator und Textautor zusammen?
Pin: Heinz hat mir von der Idee zu diesem Buch erzählt, als er in Berlin war. Sie hat mir sehr gut gefallen, weil sie sehr poetisch war und weil ich mir bei dem Projekt sehr viel selber ausdenken konnte und auch sollte. Er hat mehr geschrieben, als letztendlich im Buch Verwendung fand. Und ich hatte die Freiheit, die Geschichten, die ich illustrieren wollte, selbst auszusuchen und zusammenzustellen. Bei der Arbeit an der Illustration war ich vollkommen autonom. Heinz hat die Bilder erst gesehen, als alles fertig war. Ich hatte mit ihm vorweg vereinbart, dass ich seine Texte in meinen Bildern nicht eins zu eins darstellen würde. Er hatte aber kein Problem damit. Heinz ist sehr offen, und ich glaube, er lässt sich auch sehr gerne überraschen.
Frage: Ihr Buch lässt viel Raum für die Fantasie des Lesers. Anders gesagt: Die Erzählung entsteht eigentlich erst im Kopf des Lesers. Was fasziniert Sie denn am Genre „Bilderbuch“?
Pin: Ich würde nicht das Wort „faszinieren" benützen. Wenn ich eine Geschichte aussuche oder selber schreibe, mache ich mir die Geschichte zu Eigen. Ich überlege mir für das Buch ein Konzept, eine Farbpalette, eine Stimmung, den Stil, die Figuren, manchmal auch die Geschichten, die nicht im Text sind, aber im Bild vorkommen sollen. Ein Buch zu gestalten, ist – glaube ich – sehr nah an der Arbeit eines Regisseurs. Und das liebe ich daran: aus einer Idee ein fertiges Objekt zu machen, etwas, das andere gerne in die Hand nehmen.
Frage: Ihre Bildsprache ist sehr knapp, klar und einfach, immer aufs Wesentliche konzentriert und hat häufig einen surrealen Touch.
Pin: Ich habe in den letzten Jahren meinen Zeichenstil, Komposition, Figuren, Details sehr vereinfacht und stark reduziert. In meinen Illustrationen versuche ich, mich ganz auf die Erzählung im Bild und im Text zu konzentrieren. Mir ist das Erzählen wichtiger als das Malen und Zeichnen. Ich bewundere besonders jene Künstler, die mit einfachen Mitteln viel erzählen können.
Frage: Gibt es Künstler, die Ihren Malstil beeinflusst haben?
Pin: Es gibt viele Künstler, die mich in meiner Arbeit beeinflussen. Aber es sind nicht unbedingt nur Maler, es sind auch Fotografen, Filmregisseure, Autoren von Romanen und Hörspielen, manchmal inspiriert mich auch Musik. Häufig sind es jedoch Arbeiten, die eine besondere Nähe zu meinen eigenen Projekten aufweisen und meine Fantasie anregen, Werke, die Bilder in meinem Kopf entstehen lassen.
Frage: Gibt es Bücher und Leseerlebnisse in Ihrer Kindheit und Jugend, die für Sie besonders wichtig waren?
Pin: O ja! Ich erinnere mich gut an ein paar Bilderbücher, die mich sehr geprägt haben und die ich sehr geliebt habe. Ich bin mit den Büchern von Etienne Delessert aufgewachsen, und das surreale Buch „Dann fiel der Maus ein Stein auf den Kopf. So fing sie an die Welt zu entdecken“ war mein Lieblingsbuch. Mein zweitliebstes Buch war ein deutsches Buch, das mir meine Mutter, die Deutsche ist, vorgelesen hat. Ich habe fast nichts verstanden von dem, was sie gelesen hat, aber es war fantastisch für mich, mir meine eigene Geschichte zu den Bildern ausdenken zu können. Das Lustige ist, dass ich 30 Jahre später hier in Berlin das Buch auf dem Flohmarkt gefunden habe und dann endlich einmal die Geschichte richtig verstanden habe!
Später habe ich viel gelesen, manchmal ohne aufhören zu können. Ich habe Romane und auch kleine Krimis gelesen. Mit sieben Jahren habe ich „Patricia und der Löwe" von Joseph Kessel geliebt. Ich habe aber auch die Comics aus dem Zimmer meines großen Bruders geklaut, und die Zusammenfassung von Filmen im Fernsehprogramm fand ich auch besonders toll. Für mich hat auch die Bibliothek in der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, ein große Rolle gespielt. Dort gab es sehr gute Bücher und jeden Mittwoch war „Märchenstunde“. Zu der konnte man kostenlos hingehen und bekam noch dazu etwas vorgeführt und vorgelesen. Die Frauen, die da mitwirkten, waren wirklich toll.
Meine beiden Kinder, die zwei bzw. acht Jahre alt sind, lasse ich eigentlich alles lesen – mit Lesen meine ich auch Bilder lesen. Sie lesen, was sie wollen, egal, um welches Thema und um welche Geschichten es sich handelt, egal, in welchem Stil das Buch geschrieben oder gezeichnet ist, egal, ob mit Text oder ohne. Die einzige Einschränkung bei der Lektüre zu Hause liegt in der Altersempfehlung, d.h. das Buch sollte für die Altersgruppe meiner Kinder einigermaßen passen. Mein Sohn verschlingt geradezu Enzyklopädien und französische Comics, und seine kleine Schwester ist ein großer Fan von Bilderbüchern, die Angst machen, aber gut enden. Ich höre jetzt aber lieber auf, obwohl es über dieses Thema noch sehr viel mehr zu erzählen gäbe.
Frage: Auf welche Bücher von Ihnen können wir uns denn schon jetzt freuen? Woran arbeiten Sie zurzeit?
Pin: Im Herbst erscheint im Bajazzo Verlag ein Pappbilderbuch für die ganz Kleinen: „Die Geschichte vom Loch“, ein Buchobjekt zum Lesen und Raten. Und in Frankreich (und ich hoffe, später auch in Deutschland) kommt ein Buch gemeinsam mit Hubert Ben Kemoun, „Le Grand Concert“, eine sehr schöne poetische Geschichte über Musik und Krankheit. Was danach kommt, ist noch in meiner Schublade und bleibt ein Geheimnis.
Herzlichen Dank für unser Gespräch.
Isabel Pin wird für das Buch „Eine Wolke in meinem Bett“ mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2008 in der Kategorie Bilderbuch ausgezeichnet.