„Und auf einmal war ich in einem neuen Beruf gelandet.“
Gerda Anger-Schmidt im Gespräch

Portrait Gerda Anger-Schmidt

 

In einem Interview meinten Sie, Wüstenwanderin, Dogwalker, Fotografin und Filmemacherin seien Berufe, die Sie sich vorstellen können. Da drängen sich zwei Fragen auf: Was, bitte, soll ich mir unter einer Wüstenwanderin vorstellen? Und wie sind Sie zur Kinderliteratur gekommen?

Anger-Schmidt: Meine Vorstellung von Leben und Beruf hatte sichtlich immer schon mit Unterwegssein (Gehen, Wandern, Fahren, Reisen) zu tun, mit Abschied und Aufbruch, und darüber zu berichten (in Briefen) oder zu erzählen. Zu Ihrer Frage: Warum Wüstenwanderin? Weil mich die Wüste immer schon sehr fasziniert hat, als Lebensraum und auch als geistiger Raum, in dem Transzendenz (be)greifbar ist, wo der Mensch ganz auf sich selbst gestellt ist und auf die knappen Ressourcen bzw. die Gastfreundschaft anderer Wüstenvölker angewiesen ist. Die Kargheit und die Formenschönheit, die Leuchtkraft der Farben und die unendlichen Weiten der Wüste sind mit nichts sonst vergleichbar.

Einmal war eine Reise nach Botswana in die Kalahari-Wüste ein ganz konkretes Ziel. Ein Freund und ich hatten uns zwei Jahre lang darauf vorbereitet und wollten dort zu meinem Cousin, einem Anthropologen, und seiner Frau, einer Ärztin, stoßen, die an einem Forschungsprojekt über die Buschmänner arbeiten bzw. für sie eine kleine medizinische Station aufbauen wollten. Wir planten, bei der Aufbauarbeit mitzuhelfen und dann mit einem Dolmetsch herumzufahren, um Märchen und Mythen der Buschmänner zu sammeln und ihre musikalischen Wurzeln zu erkunden. Auf dem Weg nach Afrika, noch in Europa, hatten wir jedoch einen Autounfall und somit blieb alles ein Traum oder eine Möglichkeit (für ein anderes Leben) oder eben eine Sehnsucht, ohne die bekanntlich gar nichts geht.

Doch nun zu Ihrer Frage, wie ich zur Kinderliteratur kam.

Ich bin nach der Matura nach Kanada gegangen und habe dort ein paar Jahre lang in einem Bücherbus gearbeitet, der täglich in die Vororte zu den Schulen fuhr. Dort betreute ich anfangs die Vorschulkinder und Erstklassler, las mich mit ihnen durch die Welt der Bilderbücher, war fasziniert von der Begeisterungsfähigkeit der Kinder und ihrer Freude am Lesen und Entdecken und Schauen und Staunen.

Später dann, wieder zurück in Österreich, nach meinem Studium, arbeitete ich eine Weile als Dolmetsch und im Kulturmanagement im Amerikahaus in Wien. Aber die Arbeit hatte nur mit Erwachsenen zu tun und mir fehlten die Kinder. Später, als mein Sohn schon geboren war, und ich mich beruflich neu orientieren musste, begann ich zu übersetzen, erst freiberuflich für Institute, den ORF und irgendwann auch für einen Verlag. Aber die Texte waren mir zu trocken und zu wenig fantasievoll – und da hieß es dann irgendwann: „So schreiben Sie doch selber Ihre Texte.“ Und weil ich im Windschatten dieser Jahre auch schon – eher für mich und aus therapeutischen Gründen – zu schreiben begonnen hatte, schickte ich einmal einige Texte ein und landete nach vielem Hin und Her beim Verlag Jugend & Volk, der dann auch mein erstes Kinderbuch herausbrachte: „Nein, mir kommt kein Hund ins Haus!“. Und auf einmal war ich in einem neuen Beruf gelandet, den ich nie geplant hatte, der aber wieder mit Unterwegssein (im Kopf) und tatsächlichen Reisen (zu Lesungen und Schreibwerkstätten) und mit Kindern zu tun hatte. Und da schloss sich irgendwie der Kreis.

Sie schreiben seit dem Jahr 1980, 1984 ist Ihr erstes Buch erschienen, seitdem sind mehr als 40 Bücher entstanden. Wie hat sich Ihr Schreiben in diesen Jahren verändert?

Anger-Schmidt: Anfangs schrieb ich so vor mich hin, Gedichte und Erzählungen, sprachlich recht verknappt – im Gegensatz zu meinem Hang zu epischer Breite im Gespräch. Anfangs habe ich nicht ans Veröffentlichen gedacht. Ich habe die Texte auch öfters einfach hergeschenkt. Eine jener Personen, die ein paar meiner Gedichtgeschichten lasen, war Edith Adam, die auch gerade dabei war, sich beruflich neu zu orientieren. Sie illustrierte die Texte und schickte sie in der Folge an den Verlag Beltz & Gelberg, der uns damals mit seinen Jahrbüchern die Augen dafür geöffnet hatte, was alles in der Kinderliteratur möglich ist. Als ich dann von der Kinderbuchmesse in Bologna zurückkam, fand ich im Briefkasten zwei Telegramme von Hans-Joachim Gelberg, der mein Gedicht von den drei gefährlichen Piraten in sein Jahrbuch „Die Erde ist mein Haus“ aufnehmen wollte, allerdings ohne Edith Adams Illustrationen. Es entspann sich dann zwischen ihm und mir ein intensiver Schriftverkehr. (Er schrieb all seine Briefe noch mit der Hand!) Er nahm sich die Mühe und ging auf jedes Gedicht, auf jede Zeile ein, veröffentlichte manches in der Kinderzeitschrift „Der Bunte Hund“ und machte mir klar, dass meine Texte nicht einfach eins zu eins illustriert werden sollten. Gelberg gab mir den folgenschweren Satz mit auf den Weg: „Renate Habinger könnte das!“

Ich kannte Renate Habinger damals noch nicht persönlich, kannte aber Cover und Illustrationen ihres Buches mit Peter Härtling, „Der alte John“. Und so kam es – über sieben Ecken – zur Begegnung mit ihr. Sie baute damals schon Papierobjekte, arbeitete mit Filz und hatte bereits einige Bücher illustriert. Wir trafen uns zu „Arbeitsessen“ und bemurmelten eine mögliche Zusammenarbeit, anfangs im Wirtshaus, später auch bei ihr zu Hause, vor allem als ich draufkam, dass sie nicht nur gern, sondern auch haubenverdächtig gut kocht. Und da ich gern esse (mit und ohne Haube), passte es recht gut. Sie wählte als Auftakt den „Raupelikan“ und „Der gemischte Wettlauf“ aus dem Sammelsurium meiner Texte und machte daraus eigenwillige Buchprojekte, die sie im Eigenverlag, der Edition Höllenhund, herausbrachte.

Die kurze Form, das Gedicht, die Kurzerzählung, so konnte ich mir einen Einstieg vorstellen. Doch dann lernte ich den Cheflektor von Jugend & Volk kennen, Dr. Helmut Leiter. Er las meine Texte und das Fazit seiner Lektüre: „Diese Sachen können später einmal kommen, aber beginnen müssen wir mit etwas Realistischem.“ Etwas Realistisches? Ich fiel aus allen Wolken. Das war nicht meines. Ich hatte auch gar nichts in der Hinterhand. Aber er bestand darauf und luchste mir im Gespräch eine Geschichte ab, die mir schon manchmal durch den Kopf gegangen war. Und so entstand „Nein, mir kommt kein Hund ins Haus!“. Dr. Leiter ging dann leider in Pension, und so schwamm ich eine Weile im Verlag herum. Gedichte waren damals dort kein Thema, Illustratorinnen wie Renate Habinger auch nicht. Aber da das Buch „Nein, mir kommt kein Hund ins Haus!“ für die ORF-Reihe „Fortsetzung folgt nicht!“ verfilmt wurde und sich gut verkaufte, waren neue Manuskripte aus meiner Feder gefragt.

Mein Sohn war damals in der Volksschule und so orientierten sich die Geschichten, die da kommen sollten, an verschiedenen äußeren Geschehnissen seiner Schulzeit. Renate Habinger illustrierte in der Zwischenzeit meine Schmerz- und Trostgedichte („Heile, heile, wundes Knie“) und ein Jahr darauf die Einschlaf- und Aufwachgedichte („Wer kommt mit auf den Federnball?“), die beide im Verlag St. Gabriel herauskamen. Da wir auch ein großes Bilderbuch mitsammen machen wollten, fanden wir zum Kerle Verlag, der dann „Glück gehabt, denkt das Hängebauchschwein“ in sein Programm aufnahm.

In dieser Zeit bekam ich auch die Möglichkeit, mit Winfried Opgenoorth die Geschichte „Kleiner Mann, dicke Frau“ in drei Bänden beim Breitschopf Verlag herauszubringen. Und ein paar Jahre später das Wimmelbilderbuch „Du lieber Schreck! Mein Hund ist weg!“ beim Ellermann Verlag, München. Da hat er sich ausgetobt, der Meister Opgenoorth.

In den Folgejahren erschienen weitere Kinderromane bei Jugend & Volk, ich begann mit meiner Lesetätigkeit im In- und Ausland, und im Laufe der Zeit kamen Schreibwerkstätten dazu. In den letzten Jahren auch Lyrik-Workshops.

Über Renate Habinger lernte ich eines Tages Erich Ballinger kennen, der mich einlud, mit ihm das Buch „Noch schlimmer geht's nimmer“ bei Ueberreuter zu machen. Er illustrierte und schrieb die Texte für ältere Kinder, und ich für jüngere. Unser Ziel war es, eingefleischte Lesemuffel zum Lesen zu verführen. Es wurde ein schräger Ratgeber für alle Lebenslagen, für den wir 1995 die Steirische Leseeule erhielten.

Irgendwann ging es mit Jugend & Volk bergab, der Verlag wurde an den Schreiber Verlag in Esslingen verkauft. Dr. Hubert Hladej übernahm dann einige meiner Buchtitel für seinen Verlag – und so landete ich beim Dachs Verlag. Mit der Illustratorin Birgit Antoni kam dann ein schmaler Band mit Gedichten, Sprachspielen, Rätseln und Flunkergeschichten heraus: „Sei nicht sauer, meine Süße!“. Das Buch wurde ausgezeichnet und kam gut an, sodass ihm zwei weitere gleichen Formats folgten: „Alles in Butter, liebe Mutter!“ und „Der Hund ist rund – na und?“. Leider wurde auch der Dachs Verlag verkauft und vom Patmos Verlag in Düsseldorf übernommen.

In dieser Zeit baute mir Renate Habinger eine Brücke zum Niederösterreichischen Pressehaus, und nun standen die Sterne günstig, sodass wir unser lang gehegtes Projekt, ein großes Sprach-Spiel-Buch, verwirklichen konnten, dem drei Jahre später ein zweites folgen sollte. Im Vorjahr kam der Gedichtzyklus „Wenn ich einmal groß bin, sagt das Kind …“ in der Bibliothek der Provinz heraus, mit Illustrationen und der grafischen Gestaltung von Angelika Kaufmann.

Unlängst stand ich in einer Buchhandlung und ein älterer Herr sagte: „Ich möchte bitte neun nackte Nilpferddamen.“ Und als Antwort erhielt er: „Die sind zurzeit nicht lieferbar.“

Anger-Schmidt: Die „Neun nackten Nilpferddamen“ sind sehr wohl lieferbar. Sie sind bereits in der fünften Auflage und mittlerweile auch als Taschenbuch erhältlich. Die „Nilpferddamen“ waren ein großer Glücksfall für uns. Renate Habinger und ich waren über die Jahre zu einem Team geworden, das sich nicht so schnell von seinem Weg, auch in unwegsamem Gelände, abbringen ließ. Aber für unser Projekt, ein großes Sprach-Spiel-Buch in Wort und Bild umzusetzen, fehlte eben noch der richtige Verlag. Den fanden wir dann im Niederösterreichischen Pressehaus. Und so kam es, dass die „Neun nackten Nilpferddamen“ 2003 geboren wurden. Geburtshelferin und Dompteuse der neun Dickerchen war Natalie Tornai, die damalige Programm-Verantwortliche. Als das Buch erst in den großen Feuilletons der „Zeit“, der „Süddeutschen Zeitung“ usw. besprochen und ein halbes Jahr später zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2004 nominiert wurde, entpuppten sich die Nilpferddamen – entgegen zoologischer Erkenntnisse – als Zugpferde, die sich bis in die fünfte Auflage hinaufhantelten. Im Jahr 2006 kam der Nachfolgeband „Muss man Miezen siezen?“ im Residenz Verlag heraus. Die „Miezen“ erhielten den Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien, wurden in die Kollektion zum Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2007 aufgenommen, zu einem der Schönsten Bücher Österreichs gewählt und in die IBBY-Auswahlliste aufgenommen.

Die Zusammenarbeit mit Renate Habinger ist für mich ein Geschenk, ein Glücksfall und – auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – spannender als eine Weltumsegelung. Nie weiß man bei ihr, was sie aus einem Text macht, immer geht sie neue Wege, ist auf wunderbare Weise unberechenbar, kreativ bis in die Haarspitzen. Und ihre Bilder bestärken mich immer wieder, den Vorsitz im Verein zur Vermehrung der Lachfalten vorerst noch nicht abzugeben. Außerdem beflügelt mich die Vorstellung einer kurzfristigen Arbeitspause ihrerseits – nachdem sie ein Projekt beendet hat und verschnaufen will –, ihr immer wieder neue Wortspielereien unterzujubeln, mit der inständigen Bitte, diese ins richtige Bild zu setzen. Eine zugegebenermaßen egoistische Geste, aber ich kann nicht anders. Wäre ich ein Hund, ich würde in Erwartung ihres Bilderzaubers zu sabbern beginnen aus lauter Lust und Vorfreude auf das sinnliche Vergnügen des Schauens, als wär’s ein wohlgeformter, Kaufreude verheißender Knochen.

Mit Ihren „Neun nackte Nilpferddamen“ und „Muss man Miezen siezen?“ haben Sie gemeinsam mit Renate Habinger das klassische ABC-Buch neu erfunden. Sie zeigen Ihren Leserinnen und Lesern, was man mit der Sprache, mit Buchstaben, Silben, Wörtern und Sätzen alles machen kann und spielen gekonnt mit literarischen Formen. Da frage ich mich: Was liest Gerda Anger-Schmidt? „Mother Goose“, Edward Lear und Lewis Carroll? George Perec, Raymond Queneau und Oskar Pastior? Oder H.C. Artmann und Ernst Jandl?

Anger-Schmidt: Ja, was liest sie? Alle von Ihnen genannten! Vor allem Ernst Jandl, ohne Ende. Sehr gerne lese ich auch den italienischen Sprachspieler Gianni Rodari. Und immer wieder A.A. Milnes „Winnie-the-Pooh“. Dieser Bär mit sehr geringem Verstand und seine Freunde gehören zu meinen Lieblingsfiguren in der Kinderliteratur.

Um nicht in den ewigen Fehler meiner Schulzeit zurückzufallen („Thema verfehlt!“), schreibe ich jetzt lieber nichts mehr über all die anderen, deren Bücher ich gerne lese.

Zum Abschluss noch die berühmt-berüchtigte „Nachtkästchenfrage“: Was liegt denn dort an lesenswerten Büchern, die Sie uns empfehlen können?

Anger-Schmidt: „Vierzig Rosen“ von Thomas Hürlimann (und auch „Der große Kater“ und „Fräulein Stark“), „Die K-Gedichte“ von Robert Gernhardt, „Die blassen Herren mit den Mokkatassen“ von Herta Müller (und auch „Der König verneigt sich und tötet“). Und immer wieder: Ilse Aichinger, „Die größere Hoffnung“ (und natürlich ihre Gedichte). Drei meiner Lieblingsbücher aus der Kinderliteratur: Irene Dische, „Zwischen zwei Scheiben Glück“, Jutta Richter, „Der Hund mit dem gelben Herzen“ und Louis Sachar, „Löcher“. – Genug? Genug!

Herzlichen Dank für unser Gespräch.


Gerda Anger-Schmidt erhält den ÖSTERREICHISCHEN STAATSPREIS FÜR KINDERLYRIK 2007.
Diese Auszeichnung wird für das deutschsprachige kinderlyrische Gesamtwerk einer Autorin/eines Autors verliehen. Die Dotation des Preises beträgt € 7.300. Bisherige Preisträger waren Hans Manz, Frantz Wittkamp, Josef Guggenmos, Friedl Hofbauer, Gerald Jatzek, Georg Bydlinski, Dieter Mucke und Heinz Janisch.