„…und plötzlich war die Geschichte da.“
Inge Fasan im Gespräch

Frage: „Das Meer ist riesengroß“ erzählt die Geschichte von jemandem, der davon träumt, ans Meer zu fahren. Wie sind Sie denn zu diesem Stoff gekommen?
Fasan: Die Geschichte ist schon einige Jahre alt. Sie entstand parallel zur Beschäftigung mit bzw. zur Mitarbeit an einem Abend zum Thema „Seemannslieder“ im Theater in der Drachengasse. Ich habe damals ununterbrochen Freddy Quinn und Lolita gehört und mich auch daran erinnert, wie es für mich als Kind war, von der Existenz des Meeres zwar zu wissen, aber keine genaue Vorstellung davon zu haben – und plötzlich war die Geschichte da.
Frage: Wann waren Sie denn das erste Mal am Meer?
Fasan: Ich war mit 12 oder 13 Jahren zum ersten Mal am Meer – und schrecklich enttäuscht. Ich war damals an der englischen Südküste auf Sprachferien. Es nieselte, eine schmutzig-graue Brühe schwappte meinen Füßen entgegen. Ich erinnere mich daran, dass der Strand mit unzähligen Stückchen einer weißen Plastikfolie übersät war, die im Wind dahinraschelten. Die weiße Plastikfolie kontrastierte mit vereinzelten dunklen Ölpatzen. Alles in allem also nicht sehr einladend. Mir taten die Möwen leid, die in dem Schmutz herumstolzierten. Zwischen den Plastikstückchen und den Ölflecken waren sie mit ihren schwarz-weißen Federn allerdings ideal getarnt.
Wirklich und nachhaltig beeindruckt war ich erst Jahrzehnte später von der Tasmanischen See zwischen Tasmanien und der Antarktis. Dort donnert, tost und rollt einem die Brandung in die Ohren – das hat nichts Gezähmtes mehr. Als ich dann meine erste Robbe in freier Wildbahn gesehen habe, war ich überglücklich.
Frage: Ernest Hemingway hat das Meer als den letzten freien Ort auf der Welt bezeichnet. Was bedeutet das Meer für Sie?
Fasan: Vom Meer als einem „freien Ort“ kann keine Rede mehr sein. Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre konnte man sich auf dem Meer der Zivilisation unter Umständen noch entziehen. Thor Heyerdahl tat das etwa 1947 mit seinem Kon-Tiki-Experiment, dem damals ungeheures Interesse entgegen gebracht wurde. Ernest Hemingway schrieb „The Old Man and the Sea“ Anfang der 50er und bald danach sang Freddy Quinn Seemannslieder. Dieses kollektive Freiheitsgefühl, das damals mit dem Meer verbunden war, gibt es sicher nicht mehr. Vielleicht empfinden Alleinsegler noch so etwas Ähnliches. Aber dabei geht es mittlerweile auch eher darum, wer im Alleingang schneller um die Welt segelt, als darum, ein besonderes Gefühl zu erleben.
Ich persönlich habe ein zwiespältiges Verhältnis zum Meer: Ehrlich gesagt fürchte ich mich ein wenig davor oder habe zumindest gehörigen Respekt. Ich halte mich gerne am Meer auf, ich schwimme aber nicht gerne im Meer, weil es mir irgendwie zu eigenständig, zu selbstständig ist. Ich habe immer das Gefühl, es könnte mich jederzeit verschlingen oder vernichten und duldet mich nur gnädig, wenn ich darin herumstrample. Darum bleibe ich lieber am Ufer und beobachte. Überhaupt interessieren mich am Meer eher die Übergänge von Land und Wasser, die Strände, die Ränder, die Küsten und die Menschen, die dort wohnen, quasi das Leben zwischen zwei Aggregatzuständen. Ich glaube, dass die Menschen, die vom und mit dem Meer leben, auch ganz besondere Geschichten zu erzählen haben. Das ist wahrscheinlich ein Traum von mir: eine Zeit lang an einer Küste zu wohnen und den Geschichten der Menschen zuzuhören.
Frage: Aber „Das Meer ist riesengroß“ erinnert doch an diese Sehnsucht, die das Meer darstellt?
Fasan: Natürlich existiert der Traum in meinem Buch, und das Meer als Symbol für Sehnsucht nach Freiheit oder Ferne hat auch sicher noch nicht ausgedient. Man darf aber nicht vergessen, dass „Das Meer ist riesengroß“ die Geschichte einer Kindheit erzählt, die etwa 50 Jahre zurückliegt. Damals war die Vorstellung vom Meer sicher noch vager und geheimnisumwitterter, weil es nicht so leicht und schnell zu erreichen war wie heute. Nach dem Unbekannten sehnt man sich wahrscheinlich noch mehr, weil diese Sehnsucht mit eigenen Wünschen und Vorstellungen gefüllt werden kann.
Frage: Ihr Buch ist ja keine „klassische“ Erzählung für Kinder, sondern eine Geschichte, die wohl auch Erwachsene lesen können. Hat es Sie überrascht, den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis zu erhalten?
Fasan: Ich war grenzenlos überrascht, den Preis zu bekommen. Ich habe die Benachrichtigung zuerst sogar für einen Irrtum gehalten. Erst nach einem Telefonat mit Linda Wolfsgruber habe ich registriert, dass es wirklich wahr ist – und mich wahnsinnig gefreut.
Ich finde die Entscheidung der Jury auch sehr mutig, weil das Buch – wie Sie richtig sagen – kein klassischer Text für Kinder ist und auch in die Kategorie „Jugendbuch“ nicht wirklich passt. „Das Meer ist riesengroß“ ist eben auch ein Bilderbuch und die Kategorie „Bilderbücher für Jugendliche“ (und auch für Erwachsene) existiert einfach nicht. Dabei gibt es genügend tolle Bücher, die man in eine derartige Kategorie einordnen könnte.
Frage: Und planen Sie nun, auch für Kinder zu schreiben?
Fasan: Extra FÜR Kinder zu schreiben, habe ich mir noch nie vorgenommen und ich wüsste auch gar nicht, wie ich das anstellen soll. Wenn mir ein Text gelingt, den auch Kinder oder Jugendliche lesen wollen, dann ist das – für mich zumindest – ein Riesenerfolg. Kinder und Jugendliche sind viel kompromissloser und nehmen ein Buch sicher nur dann zur Hand, wenn es sie wirklich interessiert, und nicht, weil es gerade in ist, den jeweiligen Autor oder die jeweilige Autorin zu lesen. In diesem Sinn kann ich nur hoffen, dass mir viele solche Texte einfallen!
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Inge Fasan wird für das Buch „Das Meer ist riesengroß“ mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2008 in der Kategorie Jugendbuch ausgezeichnet.