„Was Bilderbücher gut können, ist langsam sein."
Jens Rassmus im Gespräch
Frage: Ihre Bücher waren bereits mehrere Male beim Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis vertreten. Im Jahr 2006 ging auch der Preis der Jugendjury an Sie. Jens Rassmus: Österreichs liebster Illustrator aus Deutschland, sozusagen. Wie geht's Ihnen dabei?
Rassmus: Gut geht´s mir dabei. Es ist wirklich sehr viel Ehre. Und als ich erfuhr, dass ich dieses Jahr wieder einen Preis bekomme, fragte ich mich tatsächlich, ob das jetzt nicht sogar zuviel der Ehre ist, zumal für einen norddeutschen Küstenbewohner! Doch es ist natürlich wunderbar einen Preis zu bekommen, eine schöne Anerkennung. Es freut mich sehr.
Frage: Wie kommt man eigentlich zum Bücher-Illustrieren und zum Bilderbuch? War das Zufall, oder war das ein lange gehegter Berufswunsch?
Rassmus: Ich habe in Hamburg bei Rüdiger Stoye Kinder- und Jugendbuchillustration studiert, insofern war das ein sehr gerader Werdegang. Vor dem Studium hatte ich jedoch überhaupt keinen Bezug zu Bilderbüchern. Mir war nur klar, dass ich weder Freie Kunst noch Grafik-Design machen wollte. Am liebsten wollte ich Comic-Zeichner werden, denn ich war sehr von Moebius und Tardi fasziniert.
Frage: Die Faszination, die Comics auf einen Menschen mit – sagen wir einmal – 16, 17 Jahren ausüben, kann ich leicht nachvollziehen. Aber warum will jemand in diesem Alter „Buchillustration“ studieren? Medientechnisch gesehen, hat die Buchillustration ja einen ziemlichen Bart. Oder?
Rassmus: Bücher-Illustrieren studieren wollte ich erst, als ich mit dem Studium angefangen und mich ein wenig orientiert hatte. Und ich war da auch schon etwas älter, Mitte zwanzig. Ich denke nicht, dass ich zwangsläufig beim Bilderbuch und der Buchillustration gelandet bin. So eine Entwicklung ist ja meistens nur zum Teil freie Entscheidung und zum anderen Teil sind es Zufälle und Umstände. Ich fühle mich beim Bilderbuch allerdings sehr wohl und wahrscheinlich hat das sogar etwas mit dem Bart zu tun. Jedes Medium lebt schließlich durch die Beschränktheit seiner Möglichkeiten. In einem Bilderbuch stehen in der Regel nur zwölf Doppelseiten für das Erzählen einer Geschichte zur Verfügung. Dadurch werden die einzelnen Seiten oder die Kombinationen aus Text und Bild sehr eindringlich. Wie ein Konzentrat. Das gefällt mir. Und mir gefallen auch klassische Arbeitstechniken, wie Malerei oder Tuschfeder, die haben ebenfalls einen ziemlichen Bart.
Frage: Warum soll ein junger Mensch „Der Großvater im rostroten Ohrensessel“ lesen und anschauen, anstatt den Kinderkanal einzuschalten?
Rassmus: „Der Großvater im rostroten Ohrensessel“ ist ja so eine Art Plädoyer für das Bilderbuch. Bilderbücher werden in der Regel vorgelesen. Das Kind braucht dazu also einen Erwachsenen (oder umgekehrt). Und Bilderbücher werden zusammen angeschaut, das heißt Kind und Erwachsener sitzen dicht beieinander. Das Buch schafft also schon allein durch seine Handhabung Nähe und eine Verbindung. Dazu kommt das Reden über die Geschichte – gerade bei einem Buch wie dem „Großvater“, das ein Gespräch quasi einfordert. Ein anderer Unterschied zum Kinderkanal ist der Faktor Zeit. Anders als beim Film lässt sich das Rezeptionstempo beim Buch selbst regulieren. Man kann auch zurückblättern oder gleich noch mal von vorne beginnen. Was Bilderbücher gut können, ist langsam sein. Die Bilder werden länger und intensiver betrachtet und können deswegen sehr viel komplexer sein als Bilder in anderen Medien. Vielleicht könnte man sagen: mehr Tiefe als Breite – gut zum Eintauchen.
Frage: Krankheit und Tod des Großvaters sind kein leichtes Thema für ein Bilderbuch. Was kann die Illustration bei einem solchen Text leisten?
Rassmus: Ich denke, das Verhältnis von Text und Illustration beim Bilderbuch ähnelt dem von Drehbuch und Regiearbeit beim Film. Der Text enthält oft nur sehr wenige, manchmal auch gar keine Vorgaben bezüglich der Figuren, des Raums oder der sonstigen Bildelemente. Die Illustrationen inszenieren die textliche Vorgabe. Gerade bei sehr offenen Texten wie dem „Großvater im rostroten Ohrensessel“ gibt es für mich als Illustrator viele Möglichkeiten und Richtungen, in die ich gehen kann. Und ich treffe viele Entscheidungen, die die Geschichte inhaltlich steuern. Dass der „Großvater“ eine Trostgeschichte über Krankheit und Tod sei, behauptet hauptsächlich der Umschlagtext des Verlags. Das ist mir viel zu eng. Es geht in der Geschichte ja auch um die Einsamkeit des Kindes, sein Verhältnis zu den Eltern, das Verschwinden von Grenzen zwischen Phantasie und Wirklichkeit, Geborgenheit. Ich habe mich bemüht, diese Offenheit und Mehrschichtigkeit der Geschichte zu erhalten und etwas auszubauen. Es sollte auch offen bleiben, ob der Großvater ein frei erfundener oder einer der beiden Opas ist, an den sich das Mädchen erinnert. Das war mir sehr wichtig. Ich denke, durch dieses Angebot von Sichtweisen innerhalb der Bilder können Kinder ihren eigenen Blick auf die Geschichte finden. Für einige Kinder ist es dann eine Geschichte über Krankheit und Tod, für andere Kinder aber vielleicht auch eine ganz andere Geschichte.
Frage: Hat Ihnen Ihr Großvater auch vorgelesen?
Rassmus: Nein. Fürs Vorlesen war meine Mutter zuständig. Einer meiner beiden Großväter hat mir aber Bilder gezeichnet und mit der Post zugeschickt.
Frage: Gab es Bücher und Leseerlebnisse in Ihrer Kindheit und Jugend, die für Sie besonders wichtig waren?
Rassmus: Nein, ich wüsste kein Buch, das ich da besonders herausstellen könnte. Ein Großteil meiner Lesesozialisation bestand aus Comics: Petzi-Hefte, Asterix, Tim und Struppi. Wahrscheinlich wurde ich durch sie am meisten geprägt.
Frage: Zum Schluss kurz zurück zum Comic-Zeichner Jean Giraud alias Moebius: Die Serie „John Difool“ oder doch eher „Leutnant Blueberry“?
Rassmus: „Die hermetische Garage des Jerry Cornelius“ und „John Difool“.
Das sehe ich ganz genauso. Herzlichen Dank für unser Gespräch.
Jutta Treiber / Jens Rassmus: „Der Großvater im rostroten Ohrensessel“. Wien, Düsseldorf: Dachs-Patmos 2006, 32 S.
Österreichischer Kinder- und Jugendbuchpreis 2007, Bilderbuch