„Manche Leute finden unsere Bücher zu schwer, manche finden sie pädagogisch, andere ganz einfach und gänzlich unpädagogisch – so weit, so uneinheitlich.“
Christine Aebi und Lilly Axster im Gespräch
Frage: Sie haben gemeinsam bisher drei Bücher veröffentlicht, „Wenn ich groß bin, will ich FRAUlenzen“, „Jenny, sieben“ und „Alles gut“. Alle drei wurden mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Was ist denn das Besondere an den Büchern von Lilly Axster und Christine Aebi?
Lilly Axster: Tja, auf diese Frage können natürlich am besten die antworten, die unsere Bücher für den Preis ausgewählt haben. Ich werde es trotzdem versuchen, nehme aber an, dass die meisten AutorInnen/MalerInnen ähnliches über ihre Bücher sagen würden: Christine und ich versuchen in unseren Büchern, Gefühle und Beziehungen in Bild und Wort auszudrücken und dabei zwei eigene Welten zu finden (Bild und Text), die einander nicht erklären, sondern die je für sich stehen könn(t)en. Aber, wie gesagt, das würden, nehme ich an, die meisten KollegInnen für sich ähnlich ausdrücken.
Christine Aebi: Wir arbeiten zum Beispiel mit verschiedenen Ebenen. Wobei das nicht unsere Erfindung ist, das tun auch andere auf ihre Weise. In allen drei Büchern habe ich jeweils zwei unterschiedliche Darstellungsweisen gegenüber gestellt. In „Alles gut“ sind das einerseits die perspektivisch streng konstruierten, linear umrissenen Räume mit den entsprechenden Figuren, andererseits die erkritzelten Figuren, die sich in abstrakten Räumen aus Notizpapieren bewegen. Diese beiden Bildebenen kontrastieren sich anfangs stark und vermischen sich am Ende der Geschichte. Sie zeigen an ihren Schnittstellen auf, dass Darstellungen „nur“ Konstruktionen sind und stellen Sehgewohnheiten von Kindern und Erwachsenen etwas Unbequemes entgegen. Mit den beiden Bildebenen wird außerdem die offene Frage nach Wirklichkeit und Fantasie in der Geschichte ergänzt. Von (Körper-) Gefühlen ausgehend, gestalte ich die Figuren in ihren Räumen und umgehe somit eine additive Anordnung des Inventars.
Lilly Axster: Manche Leute finden unsere Bücher zu schwer, manche finden sie pädagogisch, andere ganz einfach und gänzlich unpädagogisch – so weit, so uneinheitlich. Vielleicht sollte ich mehr bei mir und meinem eigenen Zugang bleiben, um nicht in Gemeinplätze zu verfallen. Ich versuche in den Texten den möglichst unmittelbarsten Ausdruck für die jeweiligen Gefühle zu finden, oft verknappt, manchmal atemlos, immer fragend, weil alles auch ganz anders sein könnte oder weil hinter jedem Gefühl schon ein nächstes, anderes wartet. Ich unterscheide dabei nicht zwischen Gefühlen von kleinen und großen Leuten – jedenfalls nicht in der Intensität und Unmittelbarkeit. Die Auslöser für starke Gefühle sind natürlich jeweils unterschiedlich. Vielleicht ist besonders an unseren Büchern, dass sie Bilderbücher und damit (fast) automatisch Kinderbücher sind, weil die Hauptfiguren Kinder sind und nicht, weil der Stoff ein Kinderstoff ist. Angst, Eifersucht, Liebe, Verlorenheit, Hoffnung, FreundInnenschaft, um nur einige zu nennen, sind Gefühle, die alle kennen.
Frage: In Ihren Büchern beschäftigen Sie sich mit brisanten und aktuellen gesellschaftlichen Problemen, gehen diese dann aber meist nicht aus der üblichen Perspektive an, sondern wählen immer einen etwas anderen Blickwinkel. In „Jenny, sieben“ z.B., einer Scheidungsgeschichte, wird die Beziehung Vater-Tochter beleuchtet.
Christine Aebi: Es sind unsere Themen und es sind unsere Perspektiven, die wir in die Bücher einbringen und klar benennen. Wir machen keine Bücher als Mittel zum Zweck eines pädagogischen Ziels. Grundsätzlich lasse ich mich gerne von formalen Fragestellungen leiten. Inhaltliche Themen klinken sich von selber ein. Sollte ein inhaltliches Thema den Start machen, muss es zumindest ein starkes formales Thema ins Team holen, bevor es sich auf den Weg macht. In „Alles gut“ habe ich das Thema „Ordnungen“ eingebracht. Mein Interesse galt einerseits dem durch Gestaltungstraditionen, Druck- und Buchbindetechnik geprägten Ordnungssystem von Bilderbüchern. Andererseits beobachtete ich, wie Personen in meinem Umfeld Ordnungen in ihren Räumen schaffen und erkundigte mich danach, wie sie es als Kinder getan haben. Als Mädchen legte ich riesige Sammlungen an Material zum Basteln an: bunte Bänder, Stoffe, Spitzen, farbige Papiere usw. Ich fand es sehr befriedigend, diese Sammlungen anzulegen, zu ordnen und zu hüten. Ein weiterer Schatz war meine Briefmarkensammlung, in der ich die kleinen Bildchen nach formalen Aspekten ordnete. Dadurch entstand eine kleine Enzyklopädie, ein Miniaturuniversum, eine Welt in der Welt. Die eigene Welt zu ordnen und somit auch zu verarbeiten, scheint gleichermaßen ein Bedürfnis von Kindern und Erwachsenen zu sein. Als Lilly das Thema „Umzug in die Türkei" einbrachte, interessierte mich die Frage, wie ich exotisierende Darstellungen von Raum und Figur bzw. die Darstellung „der anderen Welt“ vermeiden könnte. Wir bringen beide über Bild oder Text während des Prozesses unsere Themen ein. Welche Themen sich letztendlich im fertigen Buch in den Vordergrund drängen oder aber im Hintergrund mitschwingen – davon lassen wir uns genau so überraschen wie die LeserInnen des fertigen Buchs.
Lilly Axster: Bei allen drei Büchern, „Wenn ich groß bin, will ich FRAUlenzen“, „Jenny, sieben“ und „Alles gut“, sind Christine und ich nicht von Themen ausgegangen, sondern die haben sich erst im Lauf des Prozesses ergeben.
Beim ersten Buch, dem ja ein Theaterstück gleichen Namens zu Grunde liegt, bin ich lediglich von dem Wort „FRAUlenzen“ ausgegangen, das eine Wortschöpfung der Linguistin Luise Pusch ist. Ich habe geschrieben, was "fraulenzen" alles heißen könnte, wie ein verfraulenzter Tag ausschaut etc. Erst beim Schreiben hat es sich ergeben, dass die Personen, die fraulenzen, Königin C und Königin D sind, und noch viel später erst kam das Thema des Mädchens dazu, das allein zu Hause ist und sich vor Geräuschen fürchtet und das dann mit Hilfe der Königinnen seine Angst überwindet.
Beim zweiten Buch, „Jenny, sieben“, war der Ausgangspunkt ebenfalls nicht das Thema (in dem Buch geht es um Jennys ersten Geburtstag nach der Trennung ihrer Eltern), sondern mein Wunsch, in der ebenfalls zu Grunde liegenden Theaterfassung namens „Tochtertag“ mit dem Schauspieler Massud Rahnama zusammenzuarbeiten und für ihn ein Stück zu schreiben, in dem er einen Vater und dessen Tochter gleichzeitig spielt. Das war der Anstoß zu „Tochtertag“ bzw. „Jenny, sieben“. Dass es dann in der Auseinandersetzung zwischen Tochter und Vater u.a. um Verlustängste beider nach der Trennung der Eltern geht, ist erst während des Probenprozesses entstanden. Und in der Arbeit am Bilderbuch dann hat Christine die bildliche Umsetzung des Papiervaters gefunden, auf die ich wiederum im Text eingegangen bin.
Im dritten Buch, „Alles gut“, sind Christine und ich von uns beiden früher und heute ausgegangen und der Tatsache, dass wir beide in ein anderes Land, nämlich Österreich, gezogen sind. Christine hat Kinderfotos von uns als Motive genommen und wir haben daraus die Charaktere im Buch entwickelt. Dass schließlich die Geschichte eines Umzugs im Mittelpunkt des Buches steht, war am Anfang gar nicht beabsichtigt. Der Eindruck also, dass wir in unseren Büchern von schwierigen gesellschaftlichen Themen ausgehen, die wir bearbeiten wollen, trügt ziemlich. Dass wir jeweils bei solchen Themen landen, ist vermutlich kein Zufall, weil sie uns interessieren. Aber der Weg dorthin hat in allen drei Büchern über ganz andere, teils rein formale Stationen oder praktische Zugänge geführt.
Frage: Welche Projekte liegen derzeit in der „Werkstatt Aebi/Axster“? Worauf dürfen die Leserinnen und Leser gespannt sein?
Christine Aebi: Ja, es liegt noch ein begonnenes Projekt in einem Schubladenmöbel unserer Werkstatt. Wir sind damit irgendwann stecken geblieben und ob wir damit den weiteren Weg finden werden, wird sich zeigen. Ausgangspunkt ist das Thema „Körpergefühle und kindliche Sexualität“. Seither beobachte ich bewusster, wie Darstellungen von Körper und Sexualität in den sogenannten Aufklärungsbüchern für Kinder und Jugendliche funktionieren und was sie transportieren. Sie basieren zum Beispiel auf der Auffassung, dass Personen erst in der Pubertät zu sexuellen Wesen werden. Eine spannende Herausforderung, in all diesen (von vermeintlich eindeutigen Geschlechtszuschreibungen und heteronormativem Blickwinkel u.a.) besetzten Darstellungstraditionen einen Weg zu suchen. Wann rücken die Darstellungen von (nackten) Körpern zu nahe? Wann sind sie sexualisiert? Wann entsexualisiert? Wann anatomische technische „Gliederpuppen“? Und wer weiß, vielleicht drängen sich uns in Zukunft noch andere Themen auf.
Lilly Axster: Dieser Skizzendummy mit einem Text von Christine und mir begleitet uns schon lange. Ob wir da weitermachen werden und wie und wann, ist zurzeit nicht klar. Bei diesem Projekt steht in der Tat und das erste Mal ein Thema am Beginn, nämlich die Suche nach Bildern und Texten zu kindlicher Sexualität. Vielleicht liegt es deswegen schon lange auf unseren Tischen, weil, wie ich glaube, der Start von einem Thema weg viel schwieriger ist als der Start über eine Bild- oder Wortidee oder sonstige Zugänge. Wir möchten auch in diesem neuen Projekt kein Sachbuch machen, kein Aufklärungsbuch etc., müssen aber erst die Zeit und den gemeinsamen Raum finden, um andere Zugänge bzw. einen Einstieg zu finden. Und wie so oft kann es sein, dass dann plötzlich etwas ganz anderes unsere Wege kreuzt und wir in etwas Neues eintauchen. Darüber können wir aber noch nichts sagen, weil wir es selber noch nicht wissen.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Christine Aebi und Lilly Axster werden für das Buch „Alles gut“ mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2008 in der Kategorie Kinderbuch ausgezeichnet.