„Man beobachtet eine Bewegung, eine Umarmung, einen Blick – und bekommt Lust, eine Geschichte zu erzählen.“
Heinz Janisch im Gespräch

Frage: Sie zählen zu den bekanntesten österreichischen Autoren, die für junge Leserinnen und Leser schreiben und wurden für Ihre Arbeit mit vielen Preisen ausgezeichnet. Sie sind als Journalist mit der Sendung „Menschenbilder“ erfolgreich und haben auch einige Bücher für Erwachsene geschrieben. Wie sind Sie denn zum Schreiben gekommen?
Janisch: Ich bin auf dem Land aufgewachsen, im südlichen Burgenland. In Wien habe ich dann Germanistik und Publizistik studiert und bin bereits als Student zum ORF-Radio gekommen. Ich wollte schon früh Schriftsteller oder Journalist werden. Bücher habe ich als Kind geliebt. Wenn ich eines zu Ende gelesen hatte, habe ich mir eine Fortsetzung ausgedacht und sie in ein Heft geschrieben: Wie geht diese Geschichte, dieses Märchen, dieser Roman weiter? So bin ich vom Lesen zum Schreiben gekommen.
Ich glaube, eine große Antriebskraft bei meiner Arbeit ist meine Neugier. Ich arbeite ja seit vielen Jahren in zwei „Herzensberufen“ – als Schriftsteller und als Journalist für den Rundfunk. In der Reihe „Menschenbilder“ im Hörfunk auf Ö1 kommen seit dem Mai 1984 jeden Sonntag spannende Zeitgenossen zu Wort, die aus ihrem Leben erzählen – der Nobelpreisträger ebenso wie der Bergbauer, berühmte Schriftsteller wie etwa Astrid Lindgren, aber auch die Hebamme aus dem Dorf. Jedes Leben ist anders, jede Sendung, jede Begegnung bleibt spannend. Ich stehe immer noch mit Herzklopfen vor einer Tür, wenn ich mit dem Tonband zum Interview komme. Begegnungen sind immer ein Abenteuer. Ich arbeite seit insgesamt 26 Jahren fürs Radio – und die Arbeit bleibt aufregend.
Beim Schreiben geht es mir ähnlich. Man beobachtet eine Bewegung, eine Umarmung, einen Blick – und bekommt Lust, eine Geschichte zu erzählen. Und weil Bilderbücher immer ein Doppelgeschenk sind – man bekommt einen Text, eine Geschichte und eine kleine Bilderausstellung dazu – bleibt auch diese Arbeit immer spannend. Jede Illustratorin, jeder Illustrator verwendet eigene Farben, hat seine eigene Technik, malt auf Holz oder Papier oder Jutesäcken. Das Staunen hört nicht auf. Zuerst ist der Text da, dann lasse ich mich von den Bildern überraschen. Indem ich seit Jahren immer am Schreiben, Notieren, Ideen sammeln bin, sind – ohne, dass ich es so geplant habe – viele Bücher entstanden. Ich zähle da gar nicht mit, sondern gehe einfach – neugierig – von einem Projekt zum nächsten.
Frage: Sie sind mit drei Büchern bei den 14 Büchern zum Kinder- und Jugendbuchpreis vertreten. Wenn Sie einen Bilderbuchtext schreiben, haben Sie dann bereits eine Vorstellung von der Illustration? Oder denken Sie an einen bestimmten Illustrator?
Janisch: Bei manchen Texten überlege ich erst nach der Fertigstellung, zu welcher Illustratorin, zu welchem Illustrator der Ton der Geschichte passen könnte. Ich liebe Bilderbücher und ich bin auch ein Sammler von Bilderbüchern. Ich schlage daher oft bei einem Verlag jemanden vor oder suche selbst den Kontakt. Einige Illustratoren kenne ich von Buchmessen, da denkt man dann gemeinsam über Buchideen nach.
„Münchhausen“ war zum Beispiel ein Wunsch von Aljoscha Blau, der in Berlin lebt. Er wollte diese Figur schon lange malen. Wir haben dann beide gesagt: Wenn schon literarische Lügengeschichten, dann spielen wir auch mit der Lüge und schieben neue Geschichten dazu: die doppelte Lüge also. Ich habe 18 Geschichten geschrieben, Aljoscha hat dann einige ausgewählt, die ihn zum Illustrieren gereizt haben. Bei „Schatten“ war es ein Wettbewerb der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Ich hab dem Verlag den Text geschickt, ohne konkrete Vorstellungen. Dann haben Studenten bei einem Wettbewerb mit dem Text gearbeitet. Dann haben der Verlag und ich den Sieger gewählt. Bei „Eine Wolke in meinem Bett“ habe ich die Geschichte bewusst für Isabel Pin geschrieben. Ich wollte etwas Luftiges, Leichtes, das zu ihren Bildern passt. Ihre Bilder erscheinen mir oft wie Miniaturen. Ich hab daher versucht, kurze Miniatur-Geschichten zu erzählen. Wobei ich mich bei den Bildern dann kaum einmische, da haben die Illustratoren viel Freiheit.
Frage: Eigentlich gibt ja „Eine Wolke in meinem Bett" das Gespräch zweier Schulkinder wieder, die sich nach der Schule treffen und auf einen Baum setzen und… Ja, was? Plaudern? Fantasieren? Träumen?
Janisch: Isabel hatte die Idee zu diesem Vorspann ohne Worte. Sie wollte eine triste Stadtgegend zeigen, in der man die Fantasie als Lebensmittel gut brauchen kann. Ich mag Bücher, die am Ende einen unsichtbaren Doppelpunkt haben, die sagen: Das waren meine Ideen, jetzt bist du dran. Bücher sollen ja Einladungen sein zum Weiterdenken, Selber denken, zum Träumen und Fantasieren. „Es gibt so Tage“ war auch so ein Buch. Erfinde besondere Tage, die es vielleicht noch nie gegeben hat! Das Buch als Anfang, als Impuls. Bei der „Wolke“ erzählt das Mädchen ihre wundersamen – ausgedachten, geträumten, wahren? – Geschichten. Dann kommt die Einladung an den Jungen und damit an den Leser und die Leserin. Es geht dabei auch um den Mut zur eigenen Fantasie. Bei Lesungen ermutige ich die Kinder immer zu eigenen „Heute“- Geschichten. Oder ich lasse oft meine Antwort aus dem Buch weg und freue mich über die fantasievollen Antworten der Kinder. Manche Eltern kritisieren, dass es keine Geschichte zum Vorlesen ist, die von A nach B führt. Ich sehe das als Kompliment: Diese Geschichten führen von B nach X und von Z nach E und in alle Richtungen. In der „Wolke in meinem Bett“ beleben die Kinder mit ihren Ideen und Gedanken die Stadtlandschaft, wie auch im Schlussbild zu sehen ist. Da gibt es mehr als nur das Sichtbare.
Frage: Im kommenden Jahr ist Ihr erstes Bilderbuch „Mario, der Tagmaler“ 20 Jahre alt. Haben sich Ihre Vorstellungen vom Schreiben in diesen zwei Jahrzehnten verändert?
Janisch: Es berührt mich, dass mein erstes Buch schon fast zwanzig Jahre alt ist; ich habe nicht gedacht, dass das schon so lange her ist. Ich glaube aber, dass sich meine Vorstellungen vom Schreiben gar nicht so sehr verändert haben. Ich komme von der Lyrik, und die kurze, knappe Form – zum Beispiel beim Bilderbuch – ist mir immer noch sehr nahe. Ich mag es, dass wenige Zeilen dastehen, um die herum sehr viel Platz für Eigenes ist. Wie einmal ein Kind zu mir gesagt hat: „Bei einem Gedicht steht so wenig da, damit ich mir viel dazu denken kann.“ Schon „Mario, der Tagmaler“ ist ein Lob der Fantasie: Ein Maler zeigt Tage so, wie er sie sich erträumt. An diesem Glauben an die Fantasie, an die Kraft von Träumen, Wünschen hat sich nichts geändert. Vielleicht ist der Mut dazugekommen, sprachlich ein wenig zu experimentieren. Mein neues Bilderbuch „Sieben schreckliche Seepiraten“ im Boje Verlag zum Beispiel besteht nur aus Wörtern, die mit „S“ anfangen.
Frage: Sie fühlen sich in den „kleinen“ Textformen sehr zu Hause, im Bilderbuch, in der Erzählung und der poetischen Miniatur, im Gedicht. Wann kriegen wir denn einen Roman oder ein Jugendbuch von Heinz Janisch zu lesen? Woran arbeiten Sie denn zurzeit?
Janisch: Es gab ja immer wieder Text-Bücher von mir, Erzählungen und Romane, die leider weniger wahrgenommen wurden als die Bilderbücher. „Die Reise zu den fliegenden Inseln“, „Der Sonntagsriese“, „Grüner Schnee, roter Klee“ waren drei Bücher beim Jungbrunnen Verlag. Für Erwachsene gibt es den Roman „Nach Lissabon“ oder die Prosastücke „Lobreden auf Dinge“ in der Bibliothek der Provinz.
Derzeit arbeite ich an einem Buch mit dem Arbeitstitel „Das Jahr der Riesen“. Das werden 365 zusammenhängende Geschichten aus einem imaginären Dorf. Ich habe im Vorjahr jeden Tag eine Geschichte dazu geschrieben und bin jetzt am Bearbeiten. Im Herbst erscheinen „Märchen für mutige Mädchen“ und Katzenmärchen mit dem Titel „Auf Samtpfoten“. Für diese beiden Bücher habe ich Märchen aus aller Welt gesammelt und neu erzählt. Das sehe ich als gute Übung fürs Erzählen. Ich habe jetzt erstmals auch zwei Theaterstücke für Erwachsene geschrieben, auch das ist ein neuer Weg. Beim Jugendroman sehe ich mich weniger, eher im Kinderbuch. Ein Roman für Erwachsene wäre aber reizvoll, wenn es die Arbeit beim Rundfunk zeitlich zulässt.
Frage: Ich möchte noch einmal auf die „Wolke in meinem Bett“ zurückkommen. Das letzte Bild in diesem Buch hat mich an Italo Calvinos „Der Baron auf den Bäumen“ erinnert, wo es heißt: „Er aber betrachtete die Welt vom Baum aus: Alles, was man von dort oben sah, war andersartig, und schon das machte Vergnügen.“ Wäre ein solcher Baum auch ein Ort für den Schriftsteller Heinz Janisch?
Janisch: Ich liebe die Bücher von Italo Calvino. Sein Band „Die unsichtbaren Städte“ war lange mein Lieblingsbuch, das ich oft verschenkt habe. Auch „Der Baron auf den Bäumen“ oder die Geschichten vom „Herrn Palomar“ sind wunderbar. Als Kind war der Birnbaum im Hof meiner Großeltern mein Reich. Und immer, wenn ich Kinder auf Bäumen klettern oder sitzen sehe, überkommt mich eine Art von Heimweh oder Wehmut. (Warum sitzt man als Erwachsener eigentlich nicht mehr auf Bäumen?) Ich bin gern Beobachter, das kann von einem Baum, einem Kaffeehaus oder einer Piazza aus sein. Meine schönste Vorstellung vom Schreiben, so wie ich es einmal bei einem Stipendium in Rom erleben durfte: mit dem Schreibheft auf der Piazza sitzen und schauen und hören und riechen und schreiben. Sich anfüllen mit Sonne und Wärme und Eindrücken, wie ein Bienenkorb, und dann dem Summen im Kopf zuhören...
Herzlichen Dank für unser Gespräch.
Heinz Janisch wird für das Buch „Eine Wolke in meinem Bett“ mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2008 in der Kategorie Bilderbuch ausgezeichnet.
Die Bücher „Schatten“ und „Der Ritt auf dem Seepferd“ wurden in die Kollektion zum Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2008 aufgenommen.